20 Jahre Wohngemeinschaft im Plendelhof

15 Menschen - eine WG

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Der Plendelhof im Bassumer Ortsteil Groß Henstedt, aus der Vogelperspektive betrachtet, während der Startphase des Lebens- und Wohngemeinschafts-Projektes. 

Bassum - Von Ulf Kaack. Rund 500 Jahre ist der Plendelhof in Groß Henstedt alt. Den 20. Geburtstag feierte die dort heimisch gewordene Lebens- und Wohngemeinschaft kürzlich mit Freunden und Weggefährten. Anlass für einen Rückblick auf die Anfänge des bemerkenswerten Projekts.

Ralf Schauwacker gehört zu den „Männern der ersten Stunde“ des Plendelhofs. Die Entwicklung haben die Bewohner in zwölf Alben archiviert. - Foto: Kaack

Ralf Schauwacker gehört zur Gründungsmannschaft und hat wesentlich zu dem beigetragen, was das Anwesen am nördlichen Rand der Lindenstadt heute darstellt: einen Ort der Kreativität und Lebensfreude, Nachhaltigkeit und Naturverbundenheit.

Wie das alles begonnen hat? „1994 reiste ich mit Freunden nach Polen. Wir kauften vier Pferde und ritten auf ihnen zurück nach Deutschland“, blickt der 58-Jährige zurück. „Eigentlich wollten wir die Tiere anschließend gewinnbringend weiterveräußern, aber das konnten wir nicht übers Herz bringen. So schauten wir uns nach einem Hof mit Stallungen um. Und wurden hier fündig.“

Mit sechs Gleichgesinnten unterschrieb er zwei Jahre später den Vertrag zum Erwerb des reichlich heruntergewirtschafteten Plendelhofes. Eine Heizungsanlage gab es nicht, das Dach leckte, an moderne Isolierung war nicht zu denken, um nur einen Teil der ellenlangen Mängelliste zu benennen.

Besonders der erste Winter war hart. Eine von den Idealisten – größtenteils Buten-Bremer mit überschaubaren handwerklichen Fähigkeiten – gebaute Heizungsanlage funktionierte nicht. Die Temperaturen sackten weit unter den Gefrierpunkt, nur wenige Zimmer waren bezugsfertig. Zum Behelf richteten sich die Bewohner ihre Zimmer in aufeinander geschichteten Strohballen ein.

Ziel der Bewohner war es von Beginn an, Teil der Dorfgemeinschaft zu werden. Sie machten sich also nach alter Väter Sitte mit einem Korb voll Hochprozentigem auf den Weg zu den rund zwei Dutzend Haushalten in Groß Henstedt, um sich vorzustellen. „Der Törn sollte eigentlich an einem Wochenende abgearbeitet werden“, grinst Ralf Schauwacker. „Tatsächlich dauerte es ein ganzes Jahr, weil wir überall sehr herzlich aufgenommen wurden. Außerdem war nach jedem Besuch unser Korb leer und wir entsprechend angesäuselt.“

Auf den Gegenbesuch von den Dorfbewohnern mussten die Neulinge nicht lange warten. Die waren neugierig, was sich hinter den alten Rotstein-Mauern so tat. Ingrid Bähr, auch eine Frau der ersten Stunde, erinnert sich lebhaft: „Nach der langen Zeit des Frierens hatten wir unser erstes Hoffest organisiert. Da es draußen immer noch kalt war, haben wir uns für eine Beach-Party entschieden – kubikmeterweise haben wir Bausand auf die Diele gekarrt, die Wände mit Palmen verziert, einen Pool gebastelt und so karibisches Flair vom Feinsten gezaubert.“

Begrüßungs-Tour und Beach-Party

Mit einem 30-Kilowatt-Gasstrahler wurde dann die Raumtemperatur auf 35 Grad hochgepowert. Dabei fing das gesamte Gebäude, das ja nur Kälte und Feuchtigkeit kannte, in seiner Grundsubstanz an zu ächzen. Diverse Holztüren verzogen sich, aber der Plendelhof blieb stehen.

„Leider hatten wir vergessen unseren Gästen aus dem Dorf zu sagen, dass es sich bei dem Fest um eine Beach-Party handelte“, blickt Ingrid Bähr schnippisch lächelnd zurück. „Die kamen also auf die brüllendheiße Diele und sahen uns in Badeklamotten rumhampeln. Ich frag mich heute noch, was sie wohl seinerzeit gedacht haben.“ Doch kein Groß Henstedter kehrte auf dem Absatz um, und das Fest wurde ein Erfolg.“

Rund ein Jahrzehnt dauerte es, bis das Projekt Plendelhof substanziell vollendet war. Vorerst zumindest, denn immer wieder tun sich neue Baustellen auf. „Das ist normal, das haben wir gewusst“, sagt Ralf Schauwacker. „Aber wir hatten nun Grund drinnen. Schließlich leben die Häuser genauso wie die Menschen, die darin wohnen.“

Aktuell beherbergt der Plendelhof acht Frauen und Männer sowie sieben Kinder und Jugendliche. In der Vergangenheit zogen Menschen ein und wieder aus“, sagt Ingrid Bähr. „Es ist normal, dass sich Lebenswege trennen und Freunde zu neuen Ufern aufbrechen. Bei uns ist noch niemand – bis auf eine unschöne Ausnahme – in Zwietracht gegangen, und der ganz spezielle ,Plendelhof-Spirit‘ verbindet uns alle auch über eine solche Trennung hinaus.“

Wert legen die Bewohner auf die Tatsache, dass es sich bei Ihnen keinesfalls um Spät-Hippies oder eine esoterisch angehauchte Gruppierung handelt. Ralf Schauwacker: „Hier leben bodenständige Menschen in einer engen Gemeinschaft, in der das Miteinander, der kreative Austausch untereinander und das ganz bewusste Leben auf dem Land mit allen positiven und negativen Seiten den höchsten Stellenwert genießen. Aber jeder hat seine individuellen Freiräume, deren Grenzen er selbst bestimmt.“

Bleibt zum Schluss noch eine Frage offen: Was verbirgt sich eigentlich hinter der Bezeichnung Plendelhof? Auf zwei alten Karten fanden sich für das Areal drei verschiedene Namen: Nobelhof, Dreckstück und Plendelhof. Die Entscheidung der Bewohner fiel verständlicherweise auf letztere Bezeichnung.

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