Karin Kalisas Debütroman „Sungs Laden“ erobert Zuhörer in Drebber

Menschliches Märchen über Integration und Miteinander

Karin Kalisa las ambitioniert und flink, als wolle sie ihr umfangreiches Wissen unbedingt verteilt wissen. Das erstreckte sich gefühlt auf nahezu umfängliches Weltwissen mit philosophischem Forschergeist. - Foto: Brauns-Bömermann

Drebber - Von Simone Brauns-Bömermann. Während in der Welt fanatische Menschen andere Menschen töten, Kulturen sich entfremden oder einverleibt werden sollen, schreibt Karin Kalisa ein Buch über Brücken zwischen weit voneinander entfernten Kulturen. Und trifft damit voll ins Herz. Und das nicht theoretisch, sondern in Form eines bezaubernden Märchens, nur indem sie auf die Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg tritt, genau hinschaut in die Familien- und Bildungsstrukturen und den Alltag.

Im Landgasthaus Halfbrodt in Drebber las Kalisa aus ihrem Debütroman „Sungs Laden“. Der feierte genau an diesem Tag seinen Jahrestag, erinnerte sich die Autorin und bevor sie den rund 60 Gästen vorlas, erläuterte sie den Weg zu ihrem Gedankenexperiment, das in den utopischen Roman mündete.

„Als ich zum Prenzlauer Berg zog, fragte ich mich, die es von Hamburg so gewohnt war, wo sind denn die Türken, bei denen ich mein Obst kaufen kann?“. Statt Döner, Nudelsuppe, Blumen, Schneider alles in vietnamesischer Hand. Das sei ihre erste Begegnung mit der Historie der Vertragsarbeiter im ehemaligen DDR-Regime, dem Ziel nicht gewünschter Integration gewesen. „Als meine Kinder dann neben Kindern mit Nachnamen wie Nguyen und Tran in der Schule saßen, begann ich die Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR zu recherchieren“.

Sie hatte dabei zwei Anliegen: Die Geschichte zu beleuchten und die Voraussetzungen, die es bräuchte, damit sich das heutige Nebeneinanderleben der Kulturen am Prenzlauer Berg auflösen könnte.

Das Märchen beginnt in einer Grundschule am Prenzlauer Berg, in der kurz vor Weihnachten jedes Kind mit Migrationshintergrund ein Kulturgut aus der Heimat präsentieren soll. Soweit eine scheinbar alltägliche Geschichte mit gestressten Lehrern, abgestumpften Kindern durch den Überbespielungs-Aktionismus der Eltern zu außerschulischen Zeiten und an Wochenenden sowie dem nahenden Fest.

Kalisa, die eigentlich Griesecke heißt und Doktor der Japanologie und Philosophie ist, arbeitet am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Sie erfindet ein menschliches Märchen über Kulturerbe, Integration und Miteinander. Kalisa bannt in Zuhörer gerade mit den tausenden von ineinandergreifenden Schachtelsätzen, die Bilder wie mit Zauberhand malen und sehr viel Humor bergen. Sie ruft geschichtliches Vorwissen zu Vietnamkrieg, Vertragsarbeiter im Sozialismus ab, dass den Zuhörern schwindelig wird.

Durchdringend erklingt beim Vorlesen ihr Ruf der Romanfigur Hien „Good Morning, Vietnam“ fast authentisch zum bekannten Morgenschrei von Robin Williams als AFN-Radiomoderator in Saigon während des Vietnamkrieges. Mit Großmutter Hien, assimiliertem Enkel Minh und Vater Sung und dem „Ding aus Holz“, der Wassertheatermarionette als Relikt einer zurückgelassenen Kultur, entspinnt sich eine Quartier-Miteinander-Lawine und Multi-Kulti-Utopie, die möglich scheint.

Natürlich spielt bei der Entwicklung der Geschichte die große Zuwendung von Karin Kalisa alias Japanforscherin Birgit Griesecke zur asiatischen Kultur eine große Rolle. Ihre wissenschaftliche Profession mündet aber nicht in lange Feldstudien zu Vietnam, sondern erklärt die Kultur an den Menschen. Und Kalisas Sprache ist lyrisch, voller Humor und mit Pointen, die garantiert immer ein Lachen erzeugen. Die Frau, die sich mit der Kultur Japans beschäftigt, damit dissertierte, hat solch Potenzial in der eigenen Sprache, das sie bestimmt wenigstens einmal nach dem Romandebüt zwingt, sich zu entscheiden: Forsche ich oder schreibe ich ausschließlich? Ihr Sinn für Tiefe, die durchdringende Recherche und die mit humanistische Beschreibung des am Menschen Entdeckten gehören aber eindeutig in die Literatur. Die erfreut zumeist auch ein breiteres Publikum.

Bei Kalisa fliegt eben nicht die schwangere Vietnamesin zurück nach Hanoi, sondern „der Bauch musste zurückfliegen“, „das Land wurde ritsch-ratsch zerrissen“ und „Vietnam ist ein Land, das halb dem Meer, halb dem Land gehört“.

Wer Kalisa zuhörte, ging am nächsten Tag anders auf die Straße, ins tägliche Leben mit real neben und vielleicht schon ein wenig miteinander lebenden Menschen unterschiedlicher Kulturen.

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