Florian Wintels jongliert mit Worten

Geslammte Poesie

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Florian Wintels musizierend...

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Gäbe es nicht schon ein Buch von Poetry Slammer und Musiker Florian Wintels, so wäre nach seinem Gedichte-Vortrag in Barnstorf der Tipp gewesen: „Schreib sie auf und such Dir ´nen guten Verlag“. Der dreiundzwanzigjährige Poet aus Bad Bentheim war im Mehrgenerationenhaus aufgetreten bei viel zu hellem Licht, viel zu wenigen Zuhörern und hinterließ ein total begeistertes Publikum voller Erstaunen.

Erstaunen bei vorgetragenen Gedichten in Zeiten von Industrie 4.0, auf dem Highway zur Totaldigitalisierung. Die Altersstruktur im Publikum reichte von jugendlichen 18 bis über Siebzig, dazwischen alle, die sich für die Kunst der Akrobatik mit Worten interessieren und dabei nicht nur Quatsch erwarten, sondern durchaus Inhalte.

Die lieferte erstaunlicherweise Wintels „als noch so junges Bürschchen“ en Hauf. An der „Guitarra“ oder Klampfe, wie er sein Saiteninstrument nannte, und gesprochen, gerappt und geslammt. „Wer hat ein schlechteres Abitur als ich?“ Keiner meldet sich von den rund 25 Gästen, die sich wohl wohler im Jugendraum bei dunstig, dunklerer Atmosphäre statt bei Seniorenbastelnachmittags-Licht zu der Poetik gefühlt hätten. Ein Dimmer hätte es getan…

...und gestikulierend.

Florian Wintels kommt aus Bad Bentheim und studiert Populäre Musik und Medien in Paderborn. „Das ist jetzt nicht mein erster Studienortwunsch gewesen, aber mit einem guten über Dreier-Schnitt-Abi kann man was werden…“, sein Bühnenzynismus. Er kann wunderbar singen, auch mit Kopfstimme, hat den Groove und bringt Stimmung wie ein Singer-Song-Writer solo an der Gitarre.

„Das ist heute mein erstes Solobühnenprogramm über 90 Minuten“, verrät der weise junge Mensch, denn seine Texte sind zwar krass, aber mit so viel Quintessenz und Weisheit am Ende, die manchem Politiker nicht nach 40 Jahren Politik zuteil wird. Er kann aus dem Stand in der Trauerbegleitung anfangen, wenn er sich mit den letzten Worten beim Sterben beschäftigt. Er kann als Lebenscoach arbeiten, mit seiner Erkenntnis, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will, und dass glücklich werden das einzig Wichtige im Leben ist.

Seine selbstkomponierten Lieder zur Gitarre erholen ihn zwischen den Wortritten seiner Gedichte, denn hier kann er in einer angemessenen Geschwindigkeit seine Anliegen vortragen. Was einfach anfängt, endet mit einer Lebensweisheit. Wie der Song „Ich bin reich“ – gemeint an Erfahrung. Es geht ihm um das Nachdenken. „Es gibt auf der Welt Personen, bei denen es en Vogue ist, nicht nachzudenken und Schwupps ist ein Donald Trump am Ruder“. Dann wieder beschreibt er in seinem Gedicht „Der Versager“ einen Nichtsesshaften aus Paderborns Mitte, spielt mit Worten: „Nach all dem Versagen versagte sein Herz“.

Er schrieb auch bereits ein Buch mit Titel: „Sieben auf einen Scheiß“, und um dieses Material slammt er gerne, Gestik, Mimik, und Rumgehampel unterstreichen das ausgefallene Thema, das beim Hundekothaufen anfängt und damit endet, dass er auf Nazis, auf die Liebe und manchmal auf das Weltgeschehen scheißt.

Der Rat des jungen Menschen: „Steht auf und ändert Eurer Leben!“. Er singt vom Dreißigjährigen, der vor dem Fernseher vereinsamt, aber wenn der Strom ausfällt, die Gedanken frei sind. Fragt sich im nächsten Lied, was wohl Geld kostet. 8,50 Euro Mindestlohn, acht Cent für Flaschensammler, manchmal koste die offen gesagte Meinung den Kragen, 1000 Euro eine Wohnung in München ohne WC.

Sein Slam „Rabenmutter“ ist Wortverrenkung bei ICE-Geschwindigkeit als Fabel mit den typischen Elementen: „Es kommen sprechende Tiere vor und Gangsterrap…“. Sein Song über Liebe konstatiert, dass nachts alle Katzen grau und alle Dummen schlau sind und sein Zugabe-Song ist eine Hymne an seine Heimat Bad Bentheim: „Ein bisschen Burg ein bisschen Kur und viele Kühe. Bin stolz, wenn ich erzähle, wo ich herkomme“.

Es erinnert irgendwie an die jungen Romantiker und ihre Poesie, die auch Heimat einpackt in zartes Seidenpapier, damit ihr nichts geschieht. Er scheint das entfesselte Ich, wie es Philosoph Johann Gottlieb Fichte definierte. Manchmal eigenartig, aber mit reichen individuellen und psychologisch interessanten Zügen ausgestattet.

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