„Entdeckung der Einfachheit“

Künstlerin Helga Bulmahn umgibt sich mit malerischem Erbe und lebt im Jetzt

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Helga Bulmahn kann kräftig und zart-farbig. Je nach Stimmung ihres Motivs gegenüber. „Die alte Oma“-Buche im Hunteholz malte sie in zarten Tönen, die Vertrauen erwecken, Licht durchfluten lassen und Beständigkeit ausstrahlen. 

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Zeiten ändern sich, Leben schreiten fort, Menschen wachsen an Herausforderungen. Je länger das Leben, umso länger die Geschichte zum Leben, jedoch oft mit ein oder zwei zentralen Mittelpunkten. Das bestätigt sich beim Besuch bei Barnstorfs Malerin Helga Bulmahn in ihrem Zuhause an der Mühlenstraße.

Sie sagte einmal von sich: „Ich wollte leben wie „Grandma Moses“. Ich wollte malen wie Georgia O‘Keefe“. Ein großes Stück davon sei wahr geworden, darüber ist die 76-Jährige überzeugt und glücklich. „Ausstellungen mache ich nun nicht mehr, das wird mir zu anstrengend“, fügt die zufriedene Mutter dreier Töchter, diverser Enkel und Urenkel hinzu. Im Übrigen habe sie malerisch alles erreicht, was sie sich jemals erträumt hatte.

Auf dem langen Esstisch neben der offenen Küche und dem Wohn- und Allzweckraum mit fast nahtlosem Übergang in den von ihr geliebten Garten am Wasser liegen zahlreiche Ordner mit Texten, Fotografien und Zeitungsausschnitten aus ihrem künstlerischen Leben. Die Mittelpunkte der Malerin sind eindeutig Familie und Malerei.

Helga Bulmahn reiste zwar regelmäßig nach Sardinien und an die Nordsee mit ihrer Familie, perfektionierte ihre Malerei dort, fand ihre malerische Welt aber im Alltag und in Barnstorfs Umgebung. Ihr Werk “Brüssel“, ein Blick auf die europäische Hauptstadt als bunte Menschenmasse, das heute im Foyer des Barnstorfer Rathauses hängt, ist aktueller denn je. Mit dem Werk erhielt sie den zweiten Preis des Kunstpreises 2000 vom Verein „Kunst in der Provinz“.

Den Fliegenpilz hat Helga Bulmahn für ein Puppenbühnenbild für die Enkelin gemalt.

„Zahnblumen“, „OP gelungen“ oder „Einatmen – Ausatmen“ kommen aus dem direkten Umfeld der Zahnarztfrau. Was für ihren Mann Gerd ein Leben lang zu reparierende Zähne, Wurzeln und Feinmotorik am Menschen beruflich bedeuteten, setzt sie wie spielerisch leicht als ihre „Zahnblumen“ in Aquarell und Kreide um. Der Angst vor Knochenbruch oder den Besuch in der Radiologie begegnet sie mit ihrer Definition der Thematik in der Malerei. Knochen, Nägel, Spalten werden ihr Motiv. Tatsächlich landen die Werke dann in Zahnarztpraxen, hängen im Diepholzer Krankenhaus oder im Radiologie-Zentrum.

Ab 1988 macht die ehrgeizige Malerin, die sich selbst immer wieder fordert, zahllose Ausstellungen. „Ich wollte weiter, nach vorn“, so Bulmahn.

Das dicke braune Gästebuch auf dem Tisch quillt über vor Wünschen, Interpretationen und Dankesworten der Besucher ihrer zahllosen Ausstellungen. Gedichte ihres Mannes neben den Fotos ihrer Bilder. Und immer wieder Fotostudien der zeitlichen Abläufe in der Entstehung eines Werkes. „Der Baum „Die alte Oma“ im Hunteholz entstand erst im zweiten Ansatz“, erläutert Bulmahn das warme Gemälde des Baumes gänzlich ohne Blätter in einem mystischem Licht zwischen hell-bleu bis Schwefelgelb. Tatsächlich, einmal um 90 Grad gedreht, war das erste Leben der Leinwand ein Strand mit Himmel auf Sardinien. „Ich kann nicht auf weißer Leinwand malen“, gibt die Künstlerin zu. So käme es, dass sie erst eine Grundfarbigkeit herstelle, die den Fond des Bildes bilde. Ihre Arbeitsweise ist erstaunlich: „Ich arbeite Details und Alltägliches einfach ab. In einer Kombination zwischen Fotografie, Malerei, Lyrik“, kommentiert sie Abhandlungen in den Bänden mit Fotografien ihrer Bilder.

Dem Foto des Apfels aus dem eigenen Garten, gibt sie die Nachbarschaft des Apfels von René Magritte und seinem Werk „La Chambre d‘Ecoute“, wo der überproportionierte grüne Apfel in einem Raum zwischen Boden und Decke eingesperrt scheint. Daneben wieder das Foto ihres eigenen „Apfelstillebens“. 2007 nennt sie ein grafisches Bild „Helga goes Feininger“. Es erinnert an Körperdurchdringung und Kristallstrukturen. Damit bewegt sie sich bewusst auf den Spuren des berühmten Künstlers der klassischen Moderne Lyonel Feininger, sie ist unterwegs mit ungebrochenem Wissensdurst. Die Malerin bildet sich literarisch und in zahlreichen Kursen weiter, findet ihren Weg. „Die Entdeckung der Einfachheit ist ihr Ziel“ nach Dr. Rainer Beßling. „Das ist aber bekanntlich das Schwierigste und beherbergt automatisch die Reduktion“, beschreibt es ihr Lehrer Janusz Duda. „Heute muss ich aber auch Auftragsarbeiten annehmen“, schmunzelt die liebevolle Großmutter Bulmahn und zeigt ein Bild einer Pappmaschee-Bühne und die Schultüte aus modellierter Pappe für die Urenkelin. Fliegenpilz, Birken, Moos, Blumen im Gras, eine zauberhafte Puppenbühne aus Karton entsteht. Wie erstarrter Filz die Schultüte mit Alleinstellungsmerkmal, das da heißt: „Ultimative Kreativität“. Einfachheit und Abstraktion müssen vom Betrachter erspürt werden, nennt es Beßling, dann seien sie offen für Figürliches, ohne dem Gegenstand nachzueifern. Enkelin Nora Diering sagte mit zehn Jahren: „Abstrakte Malerei ist ein komisches Gekleckse, wo man nachdenken muss“.

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