Irmgard Niedermeyer schließt traditionsreiches Gasthaus in Cornau

„Danke für die schöne Zeit“

Diese Aufnahme aus den 1930er Jahren zeigt das alte Wirtshaus. Es ist etwa 30 Jahre später abgerissen und ersetzt worden.

Cornau - Von Thomas Speckmann. Es ist noch früh am Abend, aber die Sonne nähert sich schon dem Horizont. Sie blitzt durch die hohen Vorhänge der Fensterfront und zaubert ein ganz besonderes Spiel aus Licht und Schatten in die Gaststube. An zwei Tischen sitzen ein Dutzend Männer, trinken Bier und Schnaps und plaudern über die guten, alten Zeiten. Es wird viel gelacht, doch Wehmut ist auch dabei, denn es ist das letzte Mal, dass diese Runde im Gasthaus „Zum goldenen Stern“ in Cornau zusammen sitzen kann. Der traditionsreiche Betrieb schließt seine Türen.

„Heute haben wir nochmal volles Haus“, blickt Wirtin Irmgard Niedermeyer mit einem Lächeln in die Runde. Es sind bekannte Gesichter aus dem Ort, die sie in den vergangenen Jahrzehnten so manche Tage und Nächte umsorgt hat. Bürgermeister Friedrich Iven hat die Herren noch einmal zusammen getrommelt, um Abschied zu nehmen, auch wenn es schwer fällt. „Wir haben uns in deinem Hause sehr wohlgefühlt. Dankeschön für die schöne Zeit“, sagt der Gemeindevertreter.

Die 86-Jährige nimmt die Blumen gerne entgegen und reicht den schweren Präsentkorb gleich weiter an ihre Kinder Jutta und Cord, die zur Feier des Tages den Ausschank an der Theke übernehmen. Ihre Mutter setzt sich an den Tisch und klönt mit den Gästen. Thema Nummer eins ist die Geschichte des Gasthauses, das das gesellschaftliche Leben in Cornau mitgeprägt hat.

Die Familie Niedermeyer hat das Gasthaus 1905 von Kroning erworben. „111 Jahre ist das her“, sagt Irmgard Niedermeyer, geborene Kemper, die in Diepholz aufgewachsen ist und dort die Mittelschule besucht hat, gemeinsam mit ihrem späteren Mann Fritz. Doch während der Schulzeit soll es noch nicht funken. Das kommt erst Jahre später. 1966 läuten die Hochzeitsglocken. Damit beginnt für die Frau ein neues Leben. Sie kommt nach Cornau, wird Teil des Gastronomiebetriebs.

Vorher haben Fritz Niedermeyer und dessen Mutter Wilma den Betrieb geführt. Ihr Familienvater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen. Doch das Gasthaus lebt weiter. Ein wegweisender Schritt folgt Mitte der 1960er Jahre. Das alte Fachwerkhaus an der Ortsdurchfahrt wird dem Erdboden gleich gemacht und durch einen Neubau ersetzt. Dabei verschwinden auch die großen Bäume vor der Tür, die noch auf alten Ansichtskarten zu sehen sind. An die Stelle der Kegelbahn rückt das Clubzimmer, das Platz für Familienfeiern bieten soll.

Das Wirtschaftswunder im Land nimmt seinen Lauf, Dorfbewohner treffen sich nach der Arbeit auf ein Bier. Fußball findet nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch in der Gaststube statt. „Der alte Fernseher steht noch auf dem Dachboden“, verrät Irmgard Niedermeyer. Das Publik-Viewing, wie es heute so schön heißt, ist ebenso unvergessen, wie das selbst gemachte Eis von Wilma. „Wir haben früher in eurem Garten getanzt“, erinnert sich Heinz Logemann. In jungen Jahren habe er viel bei Niedermeyer gefeiert, bis er dann selbst hinter die Theke in der eigenen Gaststätte gegangen sei, die nur ein paar hundert Meter entfernt liegt. Aber von Konkurrenz will „Leifi“ nichts wissen. „Kollege“, sagt er und wirft Irmgard Niedermeyer ein Lächeln zu, wohlwissend was sie und ihr inzwischen verstorbener Mann für die heimische Gastronomie geleistet haben.

Keine Spur von Ruhetag. Sieben Tage in der Woche, teilweise rund um die Uhr, ist das Wirtepaar für seine Gäste da – mit Getränken und Essen und auch mit offenen Ohren, wenn etwas auf der Seele liegt. Ein Gastwirt brauche eigentlich nur ein Schlafzimmer und ein Badezimmer, die Stube sei überflüssig, sagt Irmgard Niedermeyer. Da könnte etwas dran sein. Vor allem dann, wenn die Gäste Sitzfleisch haben und nachts Appetit auf einen Braten bekommen, der prompt in den Ofen geschoben wird, um den Skatbrüdern neue Kraft beim Reizen zu geben.

Nicht nur die „Cornauer Dreschflegel“ haben im „Goldenen Stern“ ein zweites Zuhause gefunden. Sportler, Schützen, Feuerwehrkräfte, Taubenzüchter und Jäger sind hier über viele Jahre ein- und ausgegangen. Sie haben etliche Pokale mitgebracht, die in Regalen und Vitrinen stehen. Für manche Vereine hat Fritz Niedermeyer nicht nur den Ausschank gemacht, sondern auch Protokoll geführt: „Schriftführer auf Lebenszeit“.

Als der Gastwirt 2005 im Alter von 74 Jahren stirbt, steht die Zukunft des Hauses auf der Kippe. Doch für seine Frau steht schnell fest, die Geschäfte weiterzuführen. „Wir hatten ja einige Reservierungen, die ich nicht absagen wollte.“ Mit persönlichem Engagement und Aushilfskräften gelingt es der Witwe, den Traditionsbetrieb aufrecht zu erhalten und auch Gesellschaften zu versorgen, sei es bei Familienfeiern oder Kohl- und Spargelessen.

Doch nun, mit fast 87 Jahren, zieht die Wirtin aus Altersgründen und mangels Nachfolge einen Schlussstrich. Seit gestern Abend sind die Türen des Gasthauses „Zum goldenen Stern“ geschlossen. Ein Schritt, der realisiert und verarbeitet werden muss. „Schwer fällt es wahrscheinlich erst, wenn keiner mehr kommt. Dann fehlt die Unterhaltung“, sagt Irmgard Niedermeyer.

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