Archäologische Funde wiederbestattet

Würde, Ruhe und Geschichte

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Einige der 50 Gebeine vor der Wiederbestattung in der Kulturkirche.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Es war haarscharf“, sagt Pastorin Diemut Meyer, Leiterin der Kulturkirche St. Stephani. „Es war unschön“, sagt Dr. Dieter Bischop, bei der Landesarchäologie zuständig für die Stadt. Beide hatten im Sommer buchstäblich auf einer Bombe gesessen.

In der Baugrube auf dem Areal der früheren Stephanischule wurde im Juli eine mächtige (und scharfe) 20-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden – wir berichteten. Das Quartier war im Krieg nahezu komplett zerstört worden.

Der spektakuläre Fund hielt Bremen tagelang in Atem. Die Bombe konnte nicht entschärft werden und wurde schließlich in Strom gesprengt. Sie war aufgetaucht, als Bischop mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW) dabei war, sechs historische Grabplatten aus den Jahrzehnten um 1700 zu bergen.

Auch etliche Knochen, Schädel und Skelette wurden bei Bauarbeiten im Stephaniviertel geborgen. 50 dieser Gebeine sind am Freitag (und damit vor Totensonntag) vor der Kulturkirche erneut beigesetzt worden. „Bomben und Baumaßnahmen hatten die Totenruhe gestört“, so Pastorin Meyer. Nun ist die Ruhe wieder hergestellt.

„In Würde“, so die Pastorin, seien die Toten wieder an den Ort gekommen, von dem sie eigentlich stammen. Bis 1811 waren auf dem Kirchhof rund um St. Stephani Tote bestattet worden. Vermögende und verdiente Gemeindemitglieder fanden ihre letzte Ruhe sogar direkt im Gotteshaus – „je reicher, desto näher zum Altar“, so Meyer. Dann waren die Franzosen in der Stadt, Bremen gehörte bis Herbst 1813 zu Napoleons Reich. Napoleon verbot Bestattungen in der Altstadt – aus Gründen der Hygiene.

1888 wurde die Stephanikirche grundlegend umgestaltet. Die alten Grabsteine fanden damals eine neue und recht profane Verwendung – als Fundamentplatten für Packhäuser am Weserufer, wie Bischop erklärt.

Auf einer dieser Platten saßen er und Pastorin Meyer im Sommer, als der THW-Bagger plötzlich die Bombe freilegte und diese sich „aufbäumte“, wie Bischop sagt. „Da hat jemand die Hand über uns gehalten“, sagt Diemut Meyer. „Es war lebensgefährlich.“

In den folgenden Monaten haben die Archäologen die geborgenen Gebeine aus den früheren Grabstätten in und um St. Stephani untersucht. Spuren von Erkrankungen wie Arthrose ließen darauf schließen, dass es sich nicht um Menschen handelte, die zu Lebzeiten reich waren, sagt Bischop. 

Spuren von Muskelansätzen an Knochen lassen die Deutung zu, dass kräftige Hafenarbeiter darunter waren. In manchen Schädeln fanden die Wissenschaftler Spuren von dauerhaftem Tabakgenuss per Tonpfeife. Viel älter als 40 Jahre dürfte keiner dieser Menschen geworden sein. Auch die Überreste von Säuglingen waren unter den Funden.

Die 50 nun wieder bestatteten Gebeine liegen jetzt vor der Kirche unter einem der gefundenen Grabsteine – unter dem Stein des Eltermanns Märten Martens.

„Ein Grabstein ist ein Gedenkstein“, so Pastorin Meyer, die die Gebeine gemeinsam mit Gemeindepastorin Annette Quade bestattete – mit Segen und Vaterunser. Anschließend gab es Butterkuchen und Kaffee. Bischop: „St. Stephani hat einen Teil seiner verlorenen Geschichte zurückbekommen.“

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