Harms-Prozess in Bremen

„Verschriftete Gerüchte“

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Hans Eulenbruch (l.) und sein Verteidiger Erich Joester haben gestern den sechsten von terminierten 31 Verhandlungstagen hinter sich gebracht. 

Bremen - Von Ralf Sussek. Die Luft wird für die Staatsanwaltschaft zunehmend dünner. Im Prozess gegen Hans Eulenbruch und seinen Mitangeklagten Thomas M. bröckelt das Bild, das die Anklage von ihnen zeichnet. Persönliche und/oder wirtschaftliche Schwierigkeiten werden zwar unterstellt, die bisherigen Zeugen geben dem Bild aber keine klareren Konturen. Stattdessen scheint immer mehr zutage zu treten, dass die Polizei Zeugen einseitig befragte.

Das Feuer bei „Harms am Wall“ am 6. Mai 2015 sollen Inhaber Hans Eulenbruch und sein langjähriger Bekannter Thomas M. gelegt haben, nachdem sie einen Raubüberfall auf Eulenbruch vorgetäuscht haben. Ziel laut Anklage war die Versicherungssumme für Kleidung und Inventar gewesen. Eulenbruch ist Mieter der Immobilie mit einem günstigen Mietvertrag und hatte gerade einen Rechtsstreit gegen seinen Vermieter wegen einer notwendigen Renovierung gewonnen. Worin lag also der Gewinn für Eulenbruch, der nur ersetzt bekam, was er zuvor bezahlt hatte?

Keine Antworten

Eine Antwort auf diese Frage konnte der „Harms-am-Wall“-Mitarbeiter, der gestern vor Gericht vernommen wurde, nicht geben. Auf viele andere auch nicht. Am vorherigen Verhandlungstag hatten zwei Mitarbeiterinnen noch das „familäre Verhältnis“ der Belegschaft in dem Modehaus hervorgehoben. Der Handelsassistent dagegen sprach gestern von hohem Arbeitsdruck, den er empfunden habe, und schlechter Stimmung, „Mehr als fünf Jahre geben wir dem Laden nicht“ – das sei kurz vor dem Brand die allgemeine Einschätzung der Mitarbeiter gewesen.

Wobei der langjährige Mitarbeiter Eulenbruchs so seine Schwierigkeiten mit seinen Quellen hat. In der Buchhaltung habe irgendetwas nicht gestimmt, sagte der 44-Jährige. Unmittelbar befasst war er mit dem Bereich aber nicht. Und von wem er das hat? „Das hat man so gesagt.“ Und wer ist „man“? „Das weiß ich nicht.“

Im Protokoll nur Gerüchte?

Sein Nichtwissen hatte ihn nicht daran gehindert, bei einer polizeilichen Vernehmung zu sagen, er traue Eulenbruch zu, dass dieser etwas mit dem Brand zu tun habe. „In welcher Form, kann ich nicht sagen“, sagte er vor Gericht. Die Polizei hatte die Vernehmung damit eröffnet, dass die Beamten erklärten, Eulenbruch sei der (einzige) Hauptverdächtige. Erläutern konnte der 44-Jährige auch gestern nicht, was ihn zu seiner Einschätzung gebracht hat. „Also sind im Protokoll Gerüchte verschriftet worden“, formulierte es pointiert einer der Verteidiger.

Inwieweit diese Aussagen gerichtsfest sind, bleibt abzuwarten. Auffällig: Die Polizei hat nach mindestens sechs, höchsten acht Stunden Vernehmung ein Protokoll von lediglich 20 Seiten zur Akte gereicht. Da liegt es nahe, dass „außerhalb des Protokolls“, wie man so schön sagt, lange Gespräche geführt und viele Fragen gestellt wurden, die gar nicht in der Akte auftauchen. Eine ergebnisoffene Zeugenbefragung, so der Eindruck, sieht anders aus.

Eine weitere Mitarbeiterin hatte bereits vorher Zweifel an der Arbeit der Polizei geschürt. Man habe sich unterhalten, aber „ich habe mich nicht vernommen gefühlt“, sagte sie. Zeichen für besondere Einfühlsamkeit? Wohl kaum. Auch sie wurde möglicherweise, ebenso wie der andere Zeuge, nicht oder nicht ausreichend belehrt.

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