Bremens Sprengmeister Andreas Rippert räumt Weltkriegsbomben

Tödliche Bewegungen

Bremens Sprengmeister Andreas Rippert betrachtet einen Aufschlagszünder. Links im Bild: eine Brandbombe, einst gefüllt mit hochgefährlichem Phosphor. - Foto: Kowalewski

Bremen - Von Martin Kowalewski. Im Büro von Andreas Rippert, Leiter des Kampfmittelräumdienstes der Polizei Bremen, lebt die dunkle Vergangenheit auf: Hülsen von Granaten stehen an der Wand, Bombenzünder liegen in einem großen Holzschrank. Schon seit 20 Jahren rückt er immer wieder in Bremen aus, wenn irgendwo Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden. Besonders kritisch sind Brandbomben und Zeitzünder.

Rippert legt eine metallene Hülle auf den Tisch: der Aufschlagzünder einer 450-Kilo-Bombe. Im Inneren ist ein kleiner Bolzen. „Beim Aufprall schnellt der nach vorne und entzündet eine Sprengladung, die den etwas trägeren Sprengstoff in der Bombenhülse zum Detonieren bringt“, sagt er. Oft ließen sich solche Zünder gut herausdrehen, außer, der Bolzen ist in die Zündladung vorgedrungen. Dann kann die kleinste Bewegung bereits tödlich sein, die Sprengung ist dann sicherer.

Andreas Rippert, 1958 in West-Berlin geboren, ging freiwillig zur Bundeswehr, obwohl er als Berliner nicht gemusst hätte. Gerne wäre er Pilot geworden, doch er landete bei den Minentauchern. Bei diesen bekam er seine erste Ausbildung in Munitionskunde. 1985 ging er aber zum Kampfmittelräumdienst, erst nach Hamburg, 1995 nach Bremen.

Rippert zeigt einen Zünder aus einer amerikanischen Bombe. Dieser ist noch tückischer: ein Langzeitzünder, von vielen auch Säurezünder genannt. Der Zünder ist etwas länger. Ursprünglich drehte sich an ihm ein kleines Windrad während des Falls und trieb eine Metallspinne im Inneren nach vorn. Normal bricht dadurch eine Ampulle und setzt Aceton frei. Das ist bei diesem Zünder nicht geschehen. Das Aceton löst sonst langsam eine Zelluloid-Scheibe auf. Einstellbar nach eine halben bis 144 Stunden wird so eine Feder gelöst und zündet mit Hilfe eines Bolzens die Bombe.

Das Ziel des Ganzen: Die Bevölkerung sollte durch die verspätet explodierenden Bomben demoralisiert werden. „Bomben mit Säurezünder müssen häufig gesprengt werden. Es ist immer möglich, dass Bewegungen beim Freilegen der Bombe den Zünder aktiviert haben“, sagt Rippert. „Ich weiß dann nie, wie viel Zeit bleibt.“ Meist sichert er dann die Umgebung, lässt Polizei und Feuerwehr anrücken und sprengt zeitnahe. Rippert geht wieder zum Schrank. Er scheint einen uralten, verrosteten Feuerlöscher hervorzuholen. Doch weit gefehlt: Es handelt sich um eine ehemalige Brandbombe, ursprünglich gefüllt mit weißem Phosphor. Dieser Stoff verbrennt mit 1 300 Grad, sobald er mit Luft in Berührung kommt. „Kommt das auf die Haut, muss man es im Krankenhaus herausoperieren oder ausbrennen lassen“, sagt Rippert. „Sowas finden wir fast täglich. Der Phosphor und die Branddämpfe sind hochgiftig.“

Die Stadt Bremen läge mit 173 Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg auf Platz 7 der am stärksten attackierten Städte in Deutschland. „Etwa 26.000 Tonnen Bombenlast wurden abgeworfen“, sagt Rippert. Er hat eine kleine Modellrechnung gemacht. „Das könnten so 100.000 Sprengbomben und eine Million Brandbomben gewesen sein.“ Bremen habe aber nach dem Krieg gut geräumt. 10.000 Blindgänger seien damals entfernt worden, insgesamt 16.000 waren es seit dem Krieg.

Nach der Arbeit genießt Rippert seine Freizeit gerne im Garten. Der ist kampfmittelfrei. Geprüft von ihm persönlich.

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