Unfassbare Geschichte eines Bremer Praktikanten

Archäologe schwimmt auf Flucht zehn Kilometer durchs Mittelmeer

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„Noch nie hatten wir einen so erfahrenen Praktikanten“, sagt Somar Alshaars Chefin über ihn.

Bremen - Von Matthias Arnold. Nur mit einem Rettungsring ausgestattet schwamm der Syrer Somar Alshaar über zehn Kilometer nach Griechenland. Wenige Monate später arbeitet der studierte Archäologe als Praktikant bei der Landesarchäologie Bremen. Die unfassbare Geschichte einer Flucht.

Wie selbstverständlich steht Somar Alshaar an einem Spülbecken der Landesarchäologie Bremen. In der einen Hand hält er eine Zahnbürste, in der anderen eine Jahrhunderte alte Keramikscherbe. Er bürstet, prüft und spült. Dann greift er zur nächsten Scherbe. Seit sechs Wochen arbeitet der studierte Archäologe als Praktikant bei der Landesbehörde, hat bei den Ausgrabungen im verfüllten Stadtgraben geholfen, Fundstücke sortiert und gesäubert. Heute ist sein letzter Praktikumstag. "Ich bin so dankbar, hier zu sein", sagt er. Wer sich die Geschichte seiner Flucht anhört, versteht warum.

Lebensgefährlicher Entschluss

Der Archäologe Somar Alshaar macht ein Praktikum bei der der Landesarchäologie.

Alshaar ist im September vergangenen Jahres vor dem Krieg aus dem syrischen Damaskus geflohen, wo er zuvor sechs Jahre lang als Archäologe gearbeitet hat. Bis in die Türkei schlug er sich auf dem Landweg durch. „Doch dort wollte ich nicht bleiben. Ich wollte nach Deutschland“, sagt er. Weil er sich dafür nicht in die Hände von Schleppern begeben wollte, beschloss er, das letzte Stück nach Europa zu schwimmen - ein Entschluss, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte.

Alshaar überlegt, auf die griechische Insel Samos zu schwimmen. "Es gibt eine Stelle an der türkischen Küste, die ist weniger als zwei Kilometer von Samos entfernt", erklärt der 30-Jährige. Doch von dieser Stelle aus gibt es keinen Zugang zum Meer. Den Ort, den der Syrer schließlich als Startpunkt wählt, trennen rund 13 Kilometer Wasser von der griechischen Insel - eine schier unüberbrückbare Distanz. Er hofft auf sein GPS-Handy und die Strömung, die ihn ans sichere Ufer treiben soll. Am späten Abend des 14. Septembers 2015 schwimmt Alshaar los. Ein gutmeinender Polizist hat ihm einen besseren Rettungsring gegeben und ihm viel Glück gewünscht.

Aufsteigende Panik

Doch schnell merkt der Flüchtling, dass er die Strömung falsch eingeschätzt hat. „Immer wenn ich eine Pause machte, trieb ich seitlich ab“, erzählt Alshaar. Er droht an die Felsen der türkischen Steilküste geschleudert zu werden. Panik kommt in ihm hoch. Auf gut Glück wählt er den Notruf - und kommt durch. „Ich habe die griechische Polizei erreicht, doch die konnten mich nicht orten. Und dann war auch mein Akku leer.“

Immer wieder schüttelt der Praktikant den Kopf, als könne er selbst nicht fassen, dass er nach über acht Stunden im Wasser völlig erschöpft schließlich von einem griechischen Polizeiboot aus den Wellen gerettet wird. Dann geht alles recht schnell. Innerhalb weniger Tage schlägt er sich nach Deutschland durch. Der Lehrer seines Integrationskurses vermittelt dem Archäologen das Praktikum bei der Landesarchäologie in Bremen. „Noch nie hatten wir einen so erfahrenen Praktikanten“, sagt die Leiterin, Uta Halle, die Alshaars Erzählung gebannt gelauscht hat.

Wie geht es für ihn weiter? Auch Monate nach seiner Ankunft hat Somar Alshaar nur eine Aufenthaltserlaubnis mit der er Bremen nicht verlassen darf. Die Ungewissheit zehrt an ihm. „Ich will arbeiten und studieren und muss noch immer warten“, sagt er.

Schleppende Integration in den Arbeitsmarkt

Fast überall versuchen die Behörden in Deutschland, qualifizierten Flüchtlingen so schnell wie möglich einen Einstieg in Ausbildung oder Arbeit zu ermöglichen. Doch die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt geht auch in Bremen nur schleppend voran. Von rund 5000 arbeitslos gemeldeten Asylbewerbern konnte das Jobcenter 2016 nur etwa 280 Menschen in Arbeit vermitteln, wie ein Sprecher mitteilte.

Alshaar hofft darauf, dass er bei einer der Grabungsfirmen anfangen kann, die von der Landesarchäologie mit Aufträgen versorgt werden. Dann hätte es der Archäologe aus Syrien komplett geschafft, dem nicht einmal die Wellen des Mittelmeers etwas anhaben konnten.

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dpa

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