Jugendliche suchen den lebensgefährlichen Kick beim Trinken / „Aktionswoche Alkohol“ will Netzwerke stärken

Suchtprävention statt Vollrausch und Entgiftung

Brunhilde Christoph (v.l.), Ingelore Rosenkötter und Dr. Gunter Simic-Schleicher.

Bremen - BREMEN (il) Immer mehr Bremer Jugendliche müssen mit einem Vollrausch in eine Klinik eingeliefert werden. Die Zahl der stationären Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen in Folge von Alkoholvergiftung ist zwischen 2004 und 2007 um 32 Prozent auf 211 Patienten angewachsen, sagte gestern Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD).

Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen sei zwar insgesamt rückläufig, dennoch gebe es keinen Anlass, sich zufrieden zu zeigen, sagte Rosenkötter gestern in der Volkshochschule zum Thema „Jugendliche Alkoholexzesse“. Allein in Bremen-Nord, so ergänzte Dr. Gunter Simic-Schleicher, habe es im Jahr 2007 30 Fälle jugendlicher Koma-Trinker gegeben, während es fünf Jahre zuvor noch fünf Patienten gewesen seien. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Bremen-Nord warnte vor den gesundheitlichen Schäden an Leber und Nervensystem auch beim häufigem Konsum geringerer Mengen Alkohol.

Die im Klinikum eingelieferten Jugendlichen hätten meist über zwei oder drei Promille Alkohol im Blut gehabt. Leider würden die lebensrettenden Maßnahmen die Jugendlichen auch vor einem möglicherweise heilsamen Kater bewahren. Einzige Abschreckung: Die jungen Patienten bekommen wegen der mangelnden Steuerung der Körperfunktionen eine Windel verpasst. Das sei für die Jugendlichen peinlich und daher abschreckend. Nach der Entgiftung folge stets ein Gespräch mit den Eltern.

Vor allem in den Schulen widmet man sich seit Jahren flächendeckend der Prävention. Wie Brunhilde Christoph vom Landesinstitut für Schule sagte, seien bei den Veranstaltungen stets ehemalige Drogensüchtige dabei. Diese berichteten von dem schleichenden Anfang ihrer Sucht, den verlorenen Lebensjahren. Elterntraining und praktische Simulationen mit einer Rauschbrille, mit der die Schüler wie bei 1,2 Promille geradeausgehen oder Geldstücke aufheben sollen, wirkten meist nachhaltig. Rosenkötter sieht weiter den dringenden Bedarf, gefährdeten Jugendlichen zu helfen und die Hilfsangebote auszubauen.

Realitätsferne Wünsche und daraus folgenden Frustrationen förderten die Exzesse der Kids. „Früher war ein Vollrausch eher ein Versehen, weil man sich über die eigenen Grenzen getäuscht hat“, sagte Simic-Schleicher. Heute sei es Ziel, so viel und so schnell wie möglich Alkohol zu trinken – trotz der Lebensgefahr.

  • 0 Kommentare
  • 0 Google+
    schließen

Kommentare