Bremer Klimageograph: 60 Prozent der Gletscher weltweit verschwinden

„Rettung ist eine Illusion“

Feldarbeiten auf dem Artesonraju-Gletscher in der Cordillera Blanca, der Andenregion Ancash in Peru. - Foto: Marzeion/Uni Bremen

Bremen - Von Viviane Reineking. Das Abschmelzen der Gletscher ist bereits programmiert und nicht mehr zu stoppen. Zu diesem Schluss kommt die Langzeit-Untersuchung einer Forschergruppe unter der Leitung von Ben Marzeion. Der Bremer Professor für Klimageographie sagt: „Die Gletscher retten zu können, ist in vielen Gebirgen eine Illusion.“

Erst im Vergleich wird die Veränderung besonders deutlich: Historische Fotos und aktuelle Aufnahmen eines Gletschers zeigen das Ausmaß der globalen Erwärmung. Die Gletscherschmelze verdeutlicht eindrücklich die Größe der Veränderungen im Weltklima. Wie Ben Marzeion von der Universität Bremen sagt, schmelzen aus den Gletschern jedes Jahr etwa 300 Milliarden Tonnen Eis. Dies sei eine der Hauptursachen für den Anstieg des Meeresspiegels: Wie der Klimaexperte sagt, wird er – abhängig von zukünftigen Kohlenstoffdioxid-Emissionen – bis zum Jahr 2100 um etwa 40 bis 85 Zentimeter ansteigen. „Die Gletscher sind davon für rund acht bis elf Zentimeter verantwortlich. Der Rest kommt von den Eisschilden in Grönland und der Antarktis und aus der Ausdehnung des wärmer werdenden Meerwassers.“

Für die Untersuchung arbeiten Wissenschaftler der Universitäten Bremen und Innsbruck zusammen. Die Kollegen messen regelmäßig die Änderungen der Eisdicke auf Gletschern in Österreich und Peru. Mit Hilfe von mathematischen Modellen leitet Marzeion daraus zukünftige Entwicklungen ab.

Der Rückzug der Eismassen in vielen Gebirgen der Welt hat das Landschaftsbild in den vergangenen 100 Jahren deutlich gewandelt. Doch die dahinterliegende Veränderung sei noch größer, wie die Universität mitteilt, denn Gletscher reagierten auf Klimaveränderungen zeitverzögert. Ein Vergleich verdeutlicht diesen Prozess: Ein Eisblock aus dem Gefrierschrank schmilzt in der wärmeren Umgebung. Je größer der Eisblock ist, umso länger dauert es, bis er geschmolzen ist.

Gletscher sind gewissermaßen besonders große Eisblöcke – bis sie sich an eine wärmere Temperatur angepasst haben, indem sie sich in höheren Lagen zurückziehen, können viele Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte vergehen. Nach Angaben der Bremer Universität sind große Teile des Eises im Gebirge deshalb heute keine lebendigen Gletscher mehr, sondern warten nur darauf zu schmelzen.

„Weil die Gletscher zeitverzögert reagieren, hat unser heutiges Verhalten, und das heißt vor allem die Menge des Kohlendioxids, das wir ausstoßen, nur noch einen begrenzten Einfluss auf die Gletscher“, erklärt Professor Ben Marzeion. „Selbst wenn die Klimaerwärmung heute stoppen würde – was eine physikalische Unmöglichkeit ist – würde langfristig trotzdem etwa ein Drittel des Gletschereises weltweit schmelzen.“

Betroffen seien die Küstenregionen weltweit, aber auch die Menschen im Hochgebirge. Durch das Schmelzen der Gletscher steige die Wassermenge in den Bächen im Sommer zunächst an, werde dann aber weniger, wenn die Gletscher sehr klein werden und verschwinden.

In einigen Gebirgen der Welt ist Marzeion zufolge der maximale Abfluss wahrscheinlich schon erreicht – etwa in den Alpen, aber auch in den südamerikanischen Anden, wo zum Beispiel in Peru katastrophale Erdrutsche die Folgen sind. „In anderen Gebirgen, zum Beispiel im Himalaya, wird die Wassermenge noch einige Jahrzehnte ansteigen“, so der Experte. Das im vergangenen Dezember in Paris beschlossene Klimaabkommen, die Erwärmung der Welt auf unter zwei Grad zu begrenzen, würde demnach bedeuten, dass in den kommenden Jahrhunderten etwa 60 Prozent der Gletscher verschwinden.

www.marzeion.info

www.geographie.uni-bremen.de/ag-klimageographie

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