„Mir wurde alles genommen“

Brandstiftung bei Harms am Wall: Prozess in Bremen beginnt mit Erklärung

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Der Angeklagte Hans Eulenbruch (r) spricht mit seinem Anwalt vor der Verhandlung.

Bremen - Von Ralf Sussek. In einer mehr als anderthalbstündigen Einlassung hat am Montag Harms-Geschäftsinhaber Hans Eulenbruch seine Version des Abends des 6. Mai vergangenen Jahres geschildert.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und dem Mitangeklagten vor, einen Raub vorgetäuscht und anschließend das Gebäude in Brand gesetzt zu haben.

Opfer oder Täter?

„Ich bin nicht nur unschuldig, ich bin Opfer eines Raubüberfalls und Brandes geworden“, sagt Eulenbruch gleich zu Beginn seines Statements heute im Schwurgerichtssaal des Bremer Landgerichts. Der 64-Jährige ist „erleichtert“, dass der Prozess endlich beginnt. Mehrere Monate lang war er in Untersuchungshaft, und das aufgrund von „Unterstellungen und ohne stichhaltige Beweise“, erklärt Eulenbruch.

Das Gebäude nach dem Brand.

Nach der Anklageschrift dagegen sollen die Männer einen Raubüberfall vorgetäuscht und mit Grillanzündern an verschiedenen Stellen Feuer gelegt haben. Nach dem Brand soll der Inhaber des Modegeschäfts, der inzwischen nur ein paar Schritte weiter am Wall ein anderes Modehaus eröffnet hat, versucht haben, den geschäftlichen Schaden von der Versicherung ersetzt zu bekommen. Als er den Raub schildert, versagt dem Geschäftsmann die Stimme. „Der größere der Täter hat mir eine Pistole vorgehalten.“ Er stockt, schluchzt: „Entschuldigung.“ Laut Eulenbruch („ich bin bis heute in psychiatrischer Behandlung“) nahmen ihm die beiden Täter, die ihn nach Geschäftsschluss überfallen hatten, Geldbörse und Handy ab und schlossen ihn in eine Toilette ein, nachdem er ihnen aus einem Tresor rund 10.000 Euro ausgehändigt hatte. „Ich hatte Angst auszubrechen.“ Angst, dass die Täter noch da sind.

Erst als er nichts mehr hört außer Knack- und Berstgeräuschen (die sich später als Feuer herausstellten), öffnet er mit Tritten die Tür und rettet sich (samt Videoaufzeichnung) aus dem Gebäude.

Video könnte zum Verhängnis werden

Dieses Video könnte Eulenbruch und seinem mutmaßlichen Komplizen zum Verhängnis werden. Der 53-Jährige aus Osterholz-Scharmbeck ist ein paar Wochen vorher gemeinsam mit Eulenbruch im Geschäft zu sehen. Er kauft ein, unterhält sich mit dem Inhaber.

Der erklärt das gestern (wie in seinen Einlassungen bei der Polizei zuvor) damit, dass er mit Thomas M., als ehemaliger Hausdetektiv ein Fachmann, über einen Einbruch vor ein paar Monaten gesprochen habe. Dann wählt der sonst so zurückhaltende Eulenbruch vor Gericht drastischere Worte. Er soll sich also selbst bei der „akribischen Vorbereitung“ eines Verbrechens gefilmt und das Video dann der Polizei übergeben haben? „Selbst meine Gegner halten mich nicht für total geistesgestört.“

Dieses Video ist der einzige mögliche Sachbeweis in dem Prozess. Eine Sachverständige soll zum Beispiel anhand des Gangbildes begutachten, ob es sich bei den maskierten Personen in der Nacht um die beiden Angeklagten handelt.

Befangenheitsantrag gestellt

Ein Motiv bleibt die Staatsanwaltschaft bislang schuldig. Eulenbruch habe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gesteckt, will sie ermittelt haben. Der 64-Jährige hält wiederholt dagegen, verweist auf gute Umsätze, eine gute Liquidität. Die Versicherungleistung für Ware („habe ich ja bereits bezahlt“) und Inventar bringe ihm keinen Vorteil. Die juristische Auseinandersetzung mit dem Vermieter über Mietmängel hat Eulenbruch gewonnen. Und er habe einen sehr günstigen, langfristigen Mietvertrag gehabt, der durch das zerstörte Haus nun obsolet geworden sei. „Mit dem Brand wurde mir das alles genommen.“

Die Verteidiger von Thomas M. stellte zuvor einen Befangenheitsantrag gegen die Berufsrichter. Die hatten den Haftbefehl gegen Eulenbruch nach fünf Monaten außer Vollzug gesetzt, gegen den Mitangeklagten aber nicht, was dessen Anwälte als „Klassenjustiz“ bezeichneten.

Der Prozess wird am Freitag um 9 Uhr in Saal 218 fortgesetzt.

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