Übersee-Museum eröffnet neue Amerika-Dauerausstellung

Perspektive: Einwanderung

Satan, Luzifer und Co.: Prachtvolle Karnevalskostüme aus Bolivien. Hier werden noch die letzten Lichtpunkte eingefügt. Die zeitgenössischen Kostüme wurden im vergangenen Jahr angefertigt, stehen also auch für den Blickwinkel „Gegenwart“. - Foto: Kuzaj

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Auf die Perspektive kommt es an. Besucher, die aus dem Erdgeschoss des Übersee-Museums hoch ins zweite Obergeschoss blicken, entdecken dort jetzt Spektakuläres: Ein zu „Thanksgiving“ – dem US-Erntedankfest – üppig gedeckter Tisch hängt dort kopfüber von der Decke. So werden die Traditionen des weißen Amerika buchstäblich auf den Kopf gestellt – ein Thema der neuen Amerika-Dauerausstellung, die ab Sonnabend, 5. November, im Übersee-Museum zu sehen ist.

„Sie hat – wie alle unsere Dauerausstellungen – die Gegenwart zum Thema“, sagt Professorin Wiebke Ahrndt, die Direktorin des Übersee-Museums. Das Kuratorenteam hat die Neupräsentation des Doppelkontinents einer Grundthese untergeordnet: „Wir können das Amerika des 21. Jahrhunderts nur vor dem Hintergrund der europäischen Einwanderungswellen ab 1492 verstehen“, sagt Ahrndt.

Und so zeigt die neue Dauerausstellung Amerika aus besonderer Perspektive – sie versucht, die Gegenwart zu erklären, indem sie auf die Wechselwirkungen und Veränderungen schaut, die durch die Einwanderung der Europäer ausgelöst worden sind. Sie erklären zugleich die Unterschiede zwischen Süd- und Nordamerika.

„Die Spanier trafen auf Azteken und Inkas“, so Ahrndt. „Die Spanier suchten Reichtum, was bei ihnen bedeutete, nicht selbst zu arbeiten, sondern arbeiten zu lassen. In Amerika trafen sie auf Menschen, die es gewohnt waren, für den Adel zu arbeiten. So setzten die Spanier sich einfach an die gesellschaftliche Spitze.“ Hinzu kamen Bodenschätze wie Silber.

Ganz anders die Einwanderung in Nordamerika. „Europäische Religionflüchtlinge kamen mit Kind und Kegel und trafen auf ein dünn besiedeltes Land“, so Ahrndt. „Für die Entwicklung Amerikas waren die Beweggründe der europäischen Auswanderer ebenso entscheidend wie die Bedingungen, auf die sie trafen.“ Also: „Amerika ist von dem geprägt, was die Einwanderer im Gepäck hatten.“ Andererseits sei es eben eine Kopie Europas.

Die Darstellung dieser Wechselwirkungen hat das Museum in vier – farblich unterschiedlich gestaltete – Themenbereiche gegliedert: „Einwanderung“, „Religion“, „Politik und Gesellschaft“ sowie „Welthandel“. Erzählt wird nicht allein anhand von Exponaten („Neuanschaffungen im Spannungsfeld mit alten Sammlungsstücken“), sondern auch von Menschen. Von Amerikanern. In Filmporträts sprechen acht verschiedene Frauen und Männer von ihrer Perspektive, von ihrer Sicht auf Amerika.

Der „Thanksgiving“-Tisch hängt kopfüber von der Decke: Blick in die neue Amerika-Ausstellung. - Foto: Kuzaj

Und natürlich zählen echte Hingucker zur Ausstellung Prachtvolle Karnevalskostüme aus Bolivien, ein lebensgroßer Bison, Totenkult-Figuren aus Mexiko. Staunen im Museum, ganz klassisch. Es lohnt sich auch der Blick unter die Decke. Von dort etwa lächelt einem der peruanische Werder-Stürmer Claudio Pizarro entgegen – als Teil einer Porträtgalerie mit Fotografien von Amerikanern, die in Bremen und Umgebung leben. Und dann ist da ja noch die „Thanksgiving“-Inszenierung mit dem kopfüber hängenden Tisch. Unter ihm findet sich eine Platte, auf der sich – wieder im Wortsinne – vertiefende Informationen zum Thema öffnen lassen.

Die Ausstellungsinszenierung soll auch das „Gefühl der Weite“ abbilden, das Europäer mit Amerika verbinden, sagt Direktorin Ahrndt. Die Ausstellung aber schafft viel mehr als das. Zum reinen Staunen nämlich kommt der durch die Freude am Entdecken (und am Zusammenspiel der Perspektiven) ausgelöste Erkenntnisgewinn. Spektakulär gut gelungen, diese Amerika-Darstellung.

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