„Verschwunden“: Die ovale Wurstbude vom Hauptbahnhof kommt in die Markthalle

Ein Pavillon auf Reisen

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Der 6,80 Meter lange und 4,71 Meter breite Gildemeister-Pavillon gestern vor der Verladung auf einen Tieflader. Nun steht eine umfangreiche Sanierung an. 

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Der Begriff „Kult“ wird heutzutage ja inflationär gebraucht. In diesem Fall aber scheint er tatsächlich angebracht. Viele Bremer und regelmäßige Bremen-Besucher erinnern sich an die ovale Imbissbude, die einst vor dem Bremer Hauptbahnhof stand. Eines Tages war sie verschwunden, deshalb ist sie heute Thema dieser Serie. Einen aktuellen Anlass gibt es obendrein – denn die Bude taucht bald in neuer Umgebung wieder auf.

Man ahnt es schon – es handelt sich nicht um irgendeine Würstchenbude, sondern um ein Bauwerk mit Charakter und Geschichte. Fast 70 Jahre lang hat der Pavillon vor dem Hauptbahnhof gestanden. Er war 1931 nach Plänen des Bremer Architekten Eberhard Gildemeister (1897 bis 1978) gebaut worden. Er war einer der Söhne des Architekten Eduard Gildemeister (1848 bis 1946) und hatte mit seinem Bruder Hermann Gildemeister (1891 bis 1984) unter anderem das „Haus des Reichs“ gebaut, jenes Art-Déco-Meisterwerk, in dem heute das Finanzressort sitzt.

Den klar strukturierten, großzügig verglasten Pavillon mit den charakteristischen Rundungen und dem ebenso charakteristischen (und bei Bremer Wetter sehr nützlichen) Vordach baute Gildemeister für den Bremer Imbissbetrieb Kiefert. Die Architektin Lore Krajewski – eine Gildemeister-Schülerin – hat ihn nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs rekonstruiert, 1949 war das. Das Bauwerk wirkte stromlinienförmig und großstädtisch. Bratwurst gab es hier, klar, aber auch Suppen, Backwaren, Getränke. Historische Schriftzüge über den Fenstern preisen „Mockturtle“ und „Reiseproviant“ an. Andere Zeiten waren das. . . Vor 17 Jahren, 1999, ist der Pavillon dann vom Hauptbahnhof verschwunden, als dort die Haltestellenbereiche neu angelegt wurden.

Eine Odyssee begann. Nachdem das Landesamt für Denkmalpflege Einzigartigkeit und Bedeutung der Imbissbude betont hatte, wurde der Pavillon immerhin nicht verschrottet, sondern erstmal in die Neustadt gebracht – auf ein Areal des Amts für Straßen und Verkehr. Als dieses Grundstück verkauft wurde, blieb der Pavillon in der Neustadt – er wurde auf das Gelände der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) transportiert. Eine – tatsächlich! – auf Wurstpappe geschriebene Schenkungsurkunde gab es auch dazu: Kiefert schenkte der BSAG den Gildemeister-Pavillon demnach „wie er steht und liegt, ohne jede Gewähr“.

Gestern nun hat BSAG-Vorstand Michael Hünig den Pavillon feierlich weiterverschenkt – an das Focke-Museum, das sich von Amts wegen um Bremens Geschichte kümmert. In ein paar Jahren soll die Imbissbude im Park des Museums in Schwachhausen aufgestellt werden.

Zuvor kommt sie erst einmal wieder in die Innenstadt. In die „Markthalle Acht“, die gegenwärtig – wie auch das „Manufactum“-Warenhaus – im denkmalgeschützten früheren Gebäude des Bremer Bank am Domshof entsteht. Um die Sanierung kümmert sich Investor Thomas Stefes, hieß es. Darin liegt auch der „Deal“ fürs Museum: Stefes saniert den Pavillon für eine sicher fünfstellige Summe. Dafür bekommt die „Markthalle Acht“, die im vierten Quartal öffnen soll, für die gestern vereinbarte Leihfrist von sieben Jahren ein echtes Schmuckstück. „Eine Bremensie“, so Stefes.

Die „Bremensie“ soll in den Innenhof kommen. Bratwurst wird es dort aber nicht geben, sagte Stefes gestern. „Sie werden das niemals wieder so hinbekommen, wie es früher geschmeckt hat.“ Also werden gleich andere Waren angeboten.

Auch Dr. Frauke von der Haar, Direktorin des Focke-Museums, setzt nicht auf den Wurstverkauf, wenn der Pavillon in sieben Jahren im Park ihres Hauses stehen wird. Getränkeangebote bei Veranstaltungen, so etwas könne sie sich eher vorstellen, sagte sie. Bei der jetzt anstehenden Sanierung wird der Pavillon die Werbetafeln späterer Jahrezehnte und die gestreifte Markise verlieren. „Wir wollen uns den 50er Jahren annähern“, so von der Haar.

Formell unter Denkmalschutz steht der Gildemeister-Pavillon übrigens nicht, weil er rechtlich zu den „fliegenden Bauten“ zählt – und dafür ist die Denkmalpflege nicht zuständig. Mit Blick auf die lange Reise des Kult-Pavillons ist an der Sache mit den „fliegenden Bauten“ aber tatsächlich etwas dran. . .

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