„Verschwunden“: Die wuchtige „Neue Börse“ am Bremer Marktplatz

Ohne Bescheidenheit

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Hanseatische Bescheidenheit? Nicht bei der prächtig verzierten und ausgestatteten „Neue Börse“ am Marktplatz. Diese Aufnahme entstand um 1920.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Vor nunmehr bald 50 Jahren wurde es eingeweiht, das Haus der Bürgerschaft in Bremen – am 9. September 1966, um genau zu sein. Das Bauwerk mit der gläsernen Fassade brachte die Architektur der Nachkriegsmoderne an den Marktplatz. Und vorher? Vorher hatte die „Neue Börse“ an diesem Ort gestanden. Sie ist heute Thema in unserer Serie „Verschwunden“.

Anno 1855 hatten Handelskammer und Börsenverein beschlossen, ein neues Börsengebäude zu bauen. Die „Alte Börse“ auf dem Liebfrauenkirchhof galt als nicht mehr repräsentativ genug, schöner und größer sollte es sein. Viel größer. Und viel schöner.

Für den Neubau musste aber erst einmal Platz geschaffen werden. Dabei war man nicht gerade zimperlich. Das historische „Balleersche Haus“ am Markt, ein bedeutendes Zeugnis des Bürgertums, sowie einige weitere Giebelhäuser in der Nachbarschaft und die Reste der Wilhadikapelle mussten ab 1860 der am 5. November 1864 schließlich eingeweihten „Neuen Börse“ weichen.

Der Neubau an der Ostseite des Marktplatzes war ein Werk des Architekten Heinrich Müller (1819 bis 1890). Müller war – wie wenig später auch Johann Georg Poppe (1837 bis 1915) – ein Star-Architekt des bremischen Bürgertums. Mal tendierte er zur Tudor-Gotik wie beim burgähnlichen Firmen- und Wohngebäude für den Weinhändler Ludwig von Kapff an der Weserbrücke – an dieser Stelle steht heute (noch) der Kühne-und-Nagel-Bau. Mal tendierte Müller zur üppig verzierten Neorenaissance – wie beim Wohnhaus für den Unternehmer, „Petroleumkönig“ und Mäzen Franz Ernst Schütte (1836 bis 1911) an der Kohlhökerstraße.

Auch bei der neogotischen und – angesichts ihrer Umgebung – recht wuchtig wirkenden „Neuen Börse“ sparte Müller nicht am repräsentativen Schmuck. Man wollte ja schließlich etwas darstellen! Türme mussten her, eine Portaltreppe natürlich erst recht; von Barrierefreiheit war noch lange keine Rede.

Prominente Maler und Bildhauer der Zeit wurden für die Gestaltung der Innenräume und der Fassade engagiert. Spartanisch sollte sie auf keinen Fall wirken, Bremens „Neue Börse“. Die sprichwörtliche hanseatische Bescheidenheit war hier nicht angesagt. Beteiligt waren beispielsweise der Maler Arthur Fitger (1840 bis 1909) und der Bildhauer Diedrich Samuel Kropp (1824 bis 1913).

Die „Neue Börse“ hatte etliche Büroräume, die man damals noch „Kontore“ nannte. Es gab eine große Halle und auch einen Tagungsraum. I m Untergeschoss öffnete ein Restaurant.

Im Zweiten Weltkrieg brannte die „Neue Börse“ aus – nach einem Luftangriff am 20. Dezember 1943. Nur das östliche Börsennebengebäude blieb erhalten. Die Ruine des Haupthauses blieb noch zwölf Jahre lang stehen. 1955 wurde sie abgerissen. 1957 verkaufte die Handelskammer das Grundstück an die Stadt. Daraufhin ist hier Mitte der 60er Jahre das Haus der Bürgerschaft nach Plänen des Architekten Wassili Luckhardt (1889 bis 1972) gebaut worden – begleitet von jahrelangem Gezänk um die (moderne) Gestaltung. Der Vorschlag, das Areal für den Parlamentsneubau zu nutzen, kam von der Handelskammer. Im Börsenhof A, dem erhaltenen Nebengebäude der „Neuen Börse“, sind heute Verwaltungs- und Sitzungsräume des Parlaments zu finden. Hier tagen Untersuchungsausschüsse. Das halbrunde Bauwerk war in den Jahren 2000/01 saniert und aufgestockt worden.

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