DGB und Arbeitnehmerkammer: Bedingungen für Beschäftigte im Handel verbessern

„Öffnungszeiten sind zu lang“

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Beim Thema Einzelhandel geht es nicht nur um die Innenstadtentwicklung, sagt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. Die Kammer und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wollen jetzt ein anderes Thema in den Fokus rücken. Ihnen geht es um die Perspektiven des Einzelhandels aus Sicht der Beschäftigten. Unter anderem fordern sie, vom späten Ladenschluss um 22 Uhr abzurücken.

Mit mehr als 20.000 Beschäftigten – davon sind 14.500 Frauen – und 8.000 Minijobs ist der Einzelhandel die viertgrößte Beschäftigungsbranche in Bremen, so Schierenbeck. Seit 2007 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um 16 Prozent gestiegen. Zugleich sinkt die Zahl der Vollzeitstellen im Einzelhandel kontinuierlich – gerade bei Frauen.

Susanne Meister, Betriebsratsvorsitzende bei Real in Bremen. - Foto: Kuzaj

„Durch die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten, die Ausweitung von Verkaufsflächen und den Online-Handel steigt der Wettbewerbsdruck und wird auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“, so Schierenbeck. Gerade durch die Liberalisierung des Ladenschlusses im Jahr 2007 habe sich der Druck auf die Personalkosten im Handel deutlich verstärkt. Einzelhändler hätten mit mehr Teilzeitbeschäftigung, Minijobs und Leiharbeit darauf reagiert – und das in einer Branche, deren Löhne im Vergleich zu anderen ohnehin schon unter dem Durchschnitt liegen.

Jede zehnte berufstätige Frau in Bremen arbeitet im Einzelhandel. Aber immer weniger von ihnen können von ihrer Arbeit leben. Schierenbeck: „Der Einzelhandel entwickelt sich zu einer Zuverdienstbranche. Viele kommen nur über die Runden, weil es ein weiteres Einkommen im Haushalt gibt oder weil sie einen Zweitjob haben.“ Oder weil sie „aufstocken“, sprich: staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Von „Subventionierung“ spricht Annette Düring, Vorsitzende des DGB Bremen, in diesem Zusammenhang.

Liane Hagner, Betriebsrätin bei Netto in Bremerhaven. - Foto: Kuzaj

„Viele kellnern am Wochenende“, sagt Susanne Meister, Betriebsratsvorsitzende bei Real in Bremen. „Teilzeit ist unser Problem.“ Zudem gebe es Leiharbeitskräfte an der Kasse. „Nicht, weil wir das wollen. Wir finden sonst keinen.“ Das wiederum habe mit den Öffnungszeiten bis 22 Uhr zu tun, die familiäre Verhältnisse und Beziehungen belasten und auch für junge Leute nicht attraktiv seien. Geringer Verdienst, ungünstige Arbeitszeiten: „Um den sich abzeichnenden Fachkräftebedarf decken zu können, ist es wichtig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern“, so Meister.

Liane Hagner, Betriebsrätin bei Netto in Bremerhaven: „Durch die verlängerten Öffnungszeiten hat sich die Zusammensetzung des Personals geändert. Discounter greifen mehr auf geringfügig beschäftigte Arbeitskräfte zurück. Vollzeitbeschäftige werden immer weniger und Teilzeitbeschäftigte überwiegend nicht mehr als 20 Stunden pro Woche eingesetzt.“

Eine Öffnungszeit bis 21 Uhr genüge, sagt Hagner. DGB-Chefin Düring verweist auf andere Bundesländer: Bayern und das Saarland sind bei 20 Uhr geblieben. In Rheinland-Pfalz und Sachsen ist spätestens um 22 Uhr Schluss. Bremen hat sich für die völlige Freigabe an Werktagen entschieden und erlaubt eine Öffnung von 0 bis 24 Uhr. Der Ladenschluss müsse auf 22 Uhr beschränkt werden, zudem müsse Bremen Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklären, fordern DGB und Arbeitnehmerkammer.

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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