Oase des Lebens in der Arktis

„Polarstern“ kehrt von Expedition zurück

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Fahrtleiterin Antje Boetius

Bremerhaven - Unter dem Eis der Arktis verbergen sich unbekannte Lebensräume und eine unerwartete Vielfalt von Lebewesen, haben die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) herausgefunden, die jetzt mit der „Polarstern“ auf Expedition waren. Die 46 Wissenschaftler werden Sonntag aus der Arktis im Heimathafen Bremerhaven zurückerwartet. Sechs Wochen lang haben sie mit neuen Robotern und Kamerasystemen das Leben in Eis, Ozean und am Meeresboden untersucht.

Der eisbedeckte, zentrale Arktische Ozean ist für sein raues Klima, die geringe Produktivität und dünne Besiedlung durch Meerestiere bekannt, heißt es beim AWI. Wegen der schwierigen Bedingungen hatten bisher nur wenige Wissenschaftler die Gelegenheit, diese Region umfassend zu erforschen. Die aktuelle „Polarstern“-Expedition „PS101“ hatte zum Ziel, untermeerische Seeberge und Tiefseegräben zu erkunden und zu untersuchen, wie sich Eis, Ozean und Leben durch den massiven Eisrückgang der vergangenen Jahre verändert haben.

Bereits 2001 vermaßen deutsch-amerikanische Forscher entlang des Gakkelrückens der zentralen Arktis Seeberge. „Doch bisher fehlte es an Meerestechnik, um zu ihnen abzutauchen“, sagt eine AWI-Sprecherin. Einer der größten Seeberge des Gakkelrückens ist den Angaben zufolge der 2001 entdeckte Karasik Seeberg, der von 5 000 Meter Wassertiefe auf 650 Meter aufsteigt. Die Sprecherin: „Seeberge gelten allgemein als Oasen des Lebens im Ozean, da sie Meerestieren eine Vielfalt von Habitaten und Nahrungsquellen bieten. Doch ob sie auch in der eisigen, nahrungsarmen Arktis reich besiedelt sind, war bisher unerforscht.“

„Wir trauten unseren Augen nicht“

Nun sind die AWI-Forscher schlauer, und Expeditionsleiterin Prof. Dr. Antje Boetius gerät geradezu ins Schwärmen: „Bei den ersten Bildern vom Gipfel des Karasik Seebergs trauten wir unseren Augen nicht: Er ist über und über mit riesigen kugeligen Schwämmen bewachsen. Zwischen den Schwämmen liegen zentimeterdicke Matten aus Nadeln und Wurmröhren. Wir haben verschiedene Fischarten beobachten können, die hier nicht zu erwarten waren, und einen Blick auf die nördlichsten bisher entdeckten Korallen erhascht. Es tummeln sich große weiße Seesterne, blaue Schnecken, rote Krebse und weiße und braune Muscheln zwischen den Schwämmen.“ Auch das im Wasser treibende Plankton, vor allem Krebse, Quallen und Würmer, brachte die Forscher zum Staunen.

Der Tiefseeroboter „Nui“ des amerikanischen Meeresforschungsinstitutes WHOI, ein Prototyp für die Erkundung von eisbedeckten Ozeanwelten, filmte das bisher unbekannte Tiefseeleben unter dem Eis und sammelte gezielt Proben für die Artbestimmung. Er tauchte wiederholt zu den Schwammgärten des Karasik Seeberges. Boetius: „Die Riesenschwämme werden bis zu einem Meter groß, Hunderte von Jahren alt und scheinen sich auf ihren Nadeln fortbewegen zu können. Sie sind wiederum Lebensraum für unzählige Tiere, die auf und in den Schwämmen ein Zuhause finden.“

Gespenstische Strukturen von frisch erstarrtem Lavagestein

Einen besonders extremen Lebensraum unter dem Eis fanden die Forscher an heißen Quellen im Tal des Gakkelrückens. An einem noch unbenannten vulkanischen Seeberg stieß das Team auf gespenstische Strukturen von frisch erstarrtem Lavagestein, zwischen denen aus kleinen Schloten und Rissen heißes Wasser emporquoll – bei einer Umgebungstemperatur unter dem Gefrierpunkt. Sie beobachteten Fahnen von Wasserstoff und Methan über den heißen Quellen, die von besonderen Tiefseebakterien als Nahrungsquelle genutzt werden. Neben Krebsschwärmen, Seeanemonen und Bakterienmatten fanden sich auch Fische und viele Fischskelette an den heißen Quellen.

Auch der Klimawandel spielt in der Region um den Karasik Seeberg eine wichtige Rolle. AWI-Eisphysiker Dr. Marcel Nicolaus berichtet, dass die Eisschollen aktuell unter einem Meter dick sind. In den 90er Jahren, so Nicolaus, waren sie noch zwei bis drei Meter dick, 2001 schon weniger als zwei Meter. Die Meereis-Forscher haben auf der Expedition autonom driftende Eisbojen ausgesetzt, um das Meereis und das Klima der Arktis zu überwachen.

Die „Polarstern“ wird nun zweieinhalb Wochen auf der Lloyd-Werft in Bremerhaven gewartet und repariert. Das Forschungsschiff wird am 12. November zur Antarktissaison starten. 

gn

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