„Mein Kunst-Stück“ mit Susanne Schossig und ihrem Bild „Blau-Grün unendlich“

Zeitlos konzentriert

Aus unendlich vielen bunten Stäbchen schafft Susanne Schossig eine lebendige Fläche. - Foto: Langkowski

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Blau-Grün unendlich“ heißt Susanne Schossigs Bild, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es zeigt Schichten kleinster Pinselstriche, die wie unendlich viele bunte Stäbchen eine Fläche bilden.

„Was aus der Ferne wie eine Fläche wirkt, ist von Nahem das reinste Tohuwabohu“, beschreibt Susanne Schossig ihr Werk. Mit jeder Schicht entstehe auf dem durchscheinenden Untergrund aus Mylar ein neues Bild. Ihre Werke seien Zeitreservoirs, denn sie entstünden in unendlich geduldiger Kleinarbeit. Bis das gewünschte Ziel erreicht ist, kann es leicht mal acht Schichten dauern. „Blau-Grün unendlich“ zeige am besten, wie sich die Sicht über die Zeit verändert, findet Schossig. Das fertige Bild auf Mylar wird nicht gerahmt, sondern hinter Glas gesetzt und in etwas Abstand zur Wand aufgehängt. Durch die Transparenz wirkt die Fläche besonders licht und gleichmäßig. Schossig möchte in ihren Bildern eine Energie von Leichtigkeit, Freude oder Tiefe vermitteln.

Die Konzentration für diese Arbeiten erlangt Schossig dadurch, dass sie sich vollkommen aus der Zeit nimmt. Zu Beginn meditiert sie. Das Atelier bietet Stille und Raum. Durch die Atelierfenster blickt man auf Wasser und Himmel. Den Alltag mit seinen Sorgen und der intensiven Taktung blendet Schossig bewusst aus. „Das Gefühl, aus der Zeit genommen zu sein, empfinden andere Menschen vielleicht im Garten oder beim Sport“, sagt die Bremerin. „Für mich ist es die Voraussetzung, um wirklich intensiv und gleichmäßig mit einem kleinen Pinsel kleine Strukturen zu schaffen.“

Diese Gleichmäßigkeit gelinge nur, wenn sie an nichts anderes denke, sagt Schossig, und gar nicht unter Eile. Wenn sie unruhig wird, hört sie auf. Da kommt ihr zugute, dass sie seit rund 20 Jahren meditiert, in China und Japan war und sich mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt. „Es ist, als wenn man einen Schritt zurücktritt. Durch die Distanz wird eine Ordnung sichtbar, und damit kommt Ruhe auf.“ Das Malen selbst bestehe daraus zu atmen, Formen aufs Papier zu bringen und dem Kratzen der Feder auf dem Papier zu lauschen. „So kann es sein, dass ich über Stunden die gleiche Form produziere. Ich werde eins mit dem, was ich tue“, sagt Schossig. Das entspricht der fernöstlichen Zen-Lehre. Das Tun ist frei von Ungeduld, Unregelmäßigkeit oder gar Lustlosigkeit.

Ohne ihren Onkel, den Maler Fred Thieler, wäre Schossig vielleicht nicht so rasch zur Kunst gekommen. Er sagte zu den etwas skeptischen Eltern: „Nun lasst das Mädel mal Kunst studieren.“ Das tat die gebürtige Bremerin in Berlin. Als sie zurückkam, besorgte sie sich sofort ein Atelier. Die Kunst bietet eine Möglichkeit, die vielen Facetten und Betrachtungswinkel der Welt zu zeigen. Das sei zutiefst demokratisch und offen. Künstlerische Inspiration durch Drogen oder Alkohol zu erlangen, hält sie für einen Mythos. „Durch Vertiefung in das, was man tut und was aus einem selbst kommt, kann man im besten Falle auch Neues entdecken.“ Die größte Herausforderung seien künstlerische Krisen. „Es ist desaströs, wenn einem nichts mehr einfällt. Wenn man weiß, dass man etwas nicht mehr machen möchte, aber das Neue noch nicht da ist, dann geht es ins Ungewisse.“

Zu den Künstlern, die für Schossig besonders bedeutend sind, zählen Agnes Martin (1912 bis 2004) und Mark Tobey (1890 bis 1976). Die kanadisch-amerikanische Martin arbeitete konsequent mit feien Linien und Gitterstrukturen. Auch der US-Amerikaner Tobey schuf – durch die fernöstliche Malerei beeinflusste – fein überlagerte Bilder.

Wenn Schossig jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann einem Politiker. Er bekäme eins ihrer „Zeitreservoirs“ als Energie von Stille und Verweilen. „Die Armen müssen so viel herumrennen, ständig im Flugzeug sitzen und tausend Probleme gleichzeitig lösen“, sagt Schossig. Das sei eine Überforderung.

Schossigs Ausstellung „Idol und Meditation“ in der Galerie Cohrs-Zirus in Worpswede (Bergstraße 33) wurde just bis zum 17. Juli verlängert. Am Sonntag, 19. Juni, ist die Künstlerin ab 16 Uhr sogar vor Ort.

www.susanne-schossig-kunst.de

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