50 Jahre Haus der Bürgerschaft

Kompromiss und Moderne

Das Haus der Bürgerschaft hat die Architektur der Nachkriegsmoderne an den Bremer Marktplatz gebracht. In der Glasfassade spiegeln sich die umliegenden historischen Gebäude – und gegenwärtig die Dacharbeiten am Rathaus. - Foto: Kuzaj

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Seit dem Jahre 1959 bemühen wir uns darum, den historischen Bremer Marktplatz vor der Verunstaltung durch ein übergroßes Gebäude, das Haus der Bürgerschaft, wie es Herr Präsident Hagedorn plant, zu bewahren.“ So wetterte die nach dem Baumeister der Rathausfassade benannte Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft in einer Zeitungsannonce. Jetzt wird das „übergroße Gebäude“ 50 Jahre alt. Das Bauwerk mit der gläsernen Fassade brachte die Architektur der Nachkriegsmoderne an den Marktplatz.

Erraten – vom Haus der Bürgerschaft ist die Rede, in der Zeit von 1962 bis 1966 gebaut nach Plänen des Architekten Wassili Luckhardt (1889 bis 1972). Bürgerschaftspräsident August Hagedorn (1888 bis 1969) hatte manchen Kampf auszustehen, bis es so weit war. Erbittert stritten die Bremer um die Gestaltung des Neubaus im Spannungsfeld von Roland, historischem Rathaus und Schütting, dem Sitz der Handelskammer.

Von hier, aus dem Schütting, war der Vorschlag gekommen, das Areal der 1864 eingeweihten „Neuen Börse“ für einen Parlamentsneubau zu nutzen. Im Zweiten Weltkrieg war die „Neue Börse“ ausgebrannt – nach einem Luftangriff am 20. Dezember 1943. Nur das östliche Börsennebengebäude blieb erhalten. Die Ruine des Haupthauses blieb noch zwölf Jahre stehen. 1955 wurde sie abgerissen. 1957 verkaufte die Handelskammer das Grundstück an die Stadt.

2013 wurde der komplette Teppichboden ausgetauscht – in Abstimmung mit dem Denkmalpfleger. - Foto: Kuzaj

In den 50er Jahren haben zwei konkurrierende Strömungen Bremens Architektur geprägt, hat Professor Eberhard Syring einmal gesagt. Der Architekturtheoretiker ist wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur (BZB), das sich um Bauwerke kümmert, die nach 1945 entstanden sind. Auf der einen Seite standen die Vertreter der Moderne, auf der anderen die Traditionalisten: „Bremisch oder modern, das war die entscheidende Frage.“ Im Streit um die Gestaltung des Parlamentsneubaus wurde dieser Gegensatz buchstäblich auf die Spitze getrieben. Denn am Ende stand – was einem Haus für Politiker ja ganz gut zu Gesicht steht – ein Kompromiss auf dem Dach: Architekt Luckhardt musste sich dem öffentlichen Druck ein wenig beugen und seinem klar strukturierten Entwurf Giebel aufs Dach setzen, obwohl er das als unglücklich empfand. Sie gingen als „Kompromissgiebel“ in die bremische Architekturgeschichte ein.

Architektur ist stets auch eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist. Die „Kompromissgiebel“ sollten die Wogen glätten, indem sie den Neubau optisch an die Bürgerhäuser in der Nachbarschaft anpassten. Dabei nimmt Luckhardts Entwurf die Umgebung auf viel raffiniertere Weise auf. Denn in der großen der Glasfassade spiegeln sich Rathaus, Schütting und die Bürgerhäuser von der gegenüberliegenden Seite.

Die Glasfronten – wie überhaupt das Helle und Durchlässige des Gebäudes – stehen zudem für die Transparenz eines Parlaments. In der Praxis wird das leider nicht durchweg so gelebt, wenn etwa Besucher von Plenarsitzungen ihre Plätze auf der Tribüne nur über einen Hintereingang erreichen können.

Das am 9. September 1966 eingeweihte Haus der Bürgerschaft steht derweil seit 1992 unter Denkmalschutz, was auch für die empfindliche Inneneinrichtung mit dem hellgrauen Teppich gilt. Rotwein beim Empfang? Lieber nicht.

„Es handelt sich um einen aus zwei einander achsial zugeordneten Blöcken (Festsaal und Foyer im vorderen, Plenarsaal im hinteren) bestehenden Komplex, dessen vorstechende Charakteristika eine Stahlbetonskelettbauweise mit Vorhangfassade in Metall und Glas und ergänzend das Backsteinmauerwerk sind“, heißt es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators. Das Reliefband an der Fassade des aus einstiger Sicht der Lüder-von-Bentheim-Gesellschaft so „übergroßen Gebäudes“ stammt von dem Bildhauer Bernhard Heiliger (1915 bis 1995).

Das Bauwerk gilt als „eines der interessantesten neueren Parlamentsgebäude“, ist im BZB-Architekturführer zu lesen. Landesdenkmalpfleger Professor Georg Skalecki: „Bremen kann stolz darauf sein, das einzige authentisch erhaltene Parlamentsgebäude der jungen bundesdeutschen Demokratie zu haben.“

Am Sonntag, 14. August, wird im Haus der Bürgerschaft um 11.30 Uhr eine Fotoausstellung eröffnet, die die Geschichte des Hauses in Schwarz-Weiß-Bildern erzählt.

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