Kalkuliertes Chaos im Schlachthof Bremen

Knorkator: Es geht eine „Boyband“ auf Reisen

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Da hat der Wahnsinn ein System: Sänger Stumpen zeigte sich zu Konzertbeginn eigenwillig verkleidet, zog im Verlauf des Abends aber bis auf den nackten Hintern blank.

Bremen - Von Marvin Köhnken. Wie beschreibt man eine Band, die selbst für erfahrene Besucher ihrer Konzerte nur schwer zu fassen ist? Vielleicht so: Wahre Schönheit kommt von innen – und zeigt sich nicht im Offensichtlichen, sondern in dem, was am Ende unten raus kommt.

Alf Ator im für ihn typischen Rettergewand.

Niemand würde behaupten, dass die vier Musiker um Sänger Stumpen besonders ansehnlich daherkämen. Oder sich sonderlich anmutig bewegen würden. Oder – der Gott des Rock‘n‘Roll bewahre – auch nur irgendwie angemessen gekleidet auf die Bühne träten. Zumindest nicht die fünfköpfige Gruppe selbst. So müssen eben andere Maßstäbe herhalten, um diesen etwas mehr als zweistündigen Abend im Bremer Schlachthof im Rückblick angemessen anschaulich wiedergeben zu können.

Die harten Fakten sind schnell erklärt: Seit ihrer Gründung 1994 bewegt sich die Berliner „Boyband“ der bis heute aktiven Gründungsmitglieder Gero Ivers (Stumpen) und (Alexander Thomas) Alf Ator musikalisch irgendwo zwischen den Hardrockern von AC/DC, Metal und klassischer Opernmusik.

Richtig gelesen, denn wenn Stumpen in völligem Widerspruch zu seinem Auftreten und der harten Gangart von Knorkator mit seiner Stimme zum Rundumschlag ausholt, werden keine Gefangenen gemacht: In einem früheren Leben absolvierte der chaotische Sänger eine Gesangsausbildung und trat unter anderem in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin auf.

„Absolut radiountauglich“

Bassist Rajko Gohlke (l.) und Gitarrist Buzz Dee im Zweiklang.

Mit ihrem „absolut fernseh- und radiountauglichen“ Liedgut (Stumpen) schaffte es die Band im Jahr 2000 bis in den Vorentscheid des Eurovision Song Contests („Ick wer zun Schwein“). Entsprechend zwiespältig sind daher auch die Erinnerungen, die die Band mit Bremen verbindet. „Damals standen wir da drüben in Halle 4 und sind noch immer froh, nur knapp am dritten Platz, der für die nächste Runde gereicht hätte, vorbeigeschrammt zu sein“, verkündet Stumpen am Freitag erleichtert. Viel lieber käme er seiner Nichte Steffi wegen, die ihm dann immer von der Tribüne zujubelt, in die Hansestadt.

So nahm die Geschichte ihren Lauf. Klassiker wie „A“, „Arschgesicht“ und „Buchstabe“ lassen sich nur mit viel Mühe in vertraute Schubladen packen. Aber wenn es etwas gibt, das die Band nicht müde wird zu erwähnen, dann ist es ihre Abneigung, auch nur in der Nähe des musikalischen Mainstreams auftauchen zu wollen.

Nun aber zu versuchen, Knorkator auf reinen Klamauk zu reduzieren, greift zu kurz. Oft erklingen vielmehr gesellschaftskritische („Eigentum“), politische („Sie kommen“) und irgendwie auch nachdenklich wütende („Du bist schuld“) Klänge.

Für Fans - mit Fans

Die junge Zoe auf der Bühne in Bremen.

Über jeden Zweifel erhaben – an diesem Abend allerdings durch ein bandagiertes Bein gebremst – ist Stumpens Bühnenpräsenz. Gemeinsam mit seinen Kollegen zieht er die Fans von Beginn an ins Geschehen. In diesem Sinne darf ein älterer Konzertbesucher unter dem Jubel der Zuschauer auch mal von der Bühne aus mit dem Smartphone filmen und die junge Zoe an der Seite des Sängers tanzen, um sich anschließend von der Bühne ins Publikum zu werfen. So werden die rund 800 Besucher Zeuge des vermutlich ersten Stagedives des Mädchens.

Knorkator-Konzert im Schlachthof

Ein erklärendes Fazit an alle zu Hause gebliebenen Knorkator-Neulinge mag nun also lauten: Zartbesaitete Gemüter könnten nach einem Auftritt wie jenem im Schlachthof etwas irritiert von dannen ziehen – gut unterhalten wurden sie aber allemal. Denn künstlerisch ist die „meiste Band der Welt“ über viele Zweifel erhaben. Dies aber ernsthaft zur Schau stellen, das will Knorkator nun wirklich nicht. So heißt es zum Ende des gelungenen Abends völlig schmerzfrei: „Zähne putzen, pullern und ab ins Bett.“

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