Bremer Kinobesucher entscheiden sich klar für „unschuldig“

Schirachs Film „Terror“ fordert die Zuschauer

Mit 168 zu 66 Stimmen, entschieden sich die Kinobesucher für „unschuldig“. - Foto: Langkowski

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Das ist harter politischer Stoff“, sagte ein junger Mann auf dem Weg zur Urne. Für „schuldig“ oder „unschuldig“ mussten sich die Zuschauer in Ferdinand Schirachs Live-Experiment „Terror – Ihr Urteil“ entscheiden. Durfte der Kampfpilot ein Passagierflugzeug abschießen um 70.000 Menschenleben zu retten?

Die Preview zum Film „Terror – Ihr Urteil“, der heute Abend (20.15 Uhr) in der ARD zu sehen ist, füllte am Freitagabend einen großen Kinosaal. „Terror“ entstand in hochkarätiger Besetzung nach dem gleichnamigen Theaterstück (2014) von Ferdinand von Schirach und wurde bereits an internationalen Theaterbühnen aufgeführt. Das Spannende ist, dass der Zuschauer ein Urteil fällen muss: schuldig oder nicht schuldig. Im „Cinestar“ erhielten dafür alle Besucher einen Jeton, den sie später in eine der beiden Urnen werfen sollten. Doch zuvor wurden sie Zeugen einer spannend inszenierten Gerichtsverhandlung: Kampfpilot Koch ist des 164-fachen Mordes angeklagt. Er handelte gegen den Befehl von höchster Stelle und schoss eine von Terroristen entführte Passagiermaschine ab. Sie sollte in die Münchner Allianz-Arena mit 70.000 Zuschauern stürzen und war kurz vor dem Aufprall. Die Verteidigungsministerin hatte aufgrund eines durch das Verfassungsgericht modifizierten Gesetzes auf einen Abschussbefehl verzichtet.

Lars Eidinger als Strafverteidiger, Martina Gedeck als Staatsanwältin und Florian David Fitz als Kampfpilot machen die Urteilsfindung schwer. Jeder hat gute und weniger gute Argumente. Die Bewertung ist vielschichtig. Juristisch schuldig zu sein, bedeutet offenbar im Einzelfall nicht zwangsläufig auch moralisch falsch gehandelt zu haben und umgekehrt. Wie viel ist eine Gewissensentscheidung wert? Taugt sie als oberste Handlungsmaxime? Darf gegen durch das Recht festgelegte Prinzipien ungestraft verstoßen werden?

In einer kurzen Pause nach Beweisführung, Zeugenbefragung und den abschließenden Plädoyers wurde rege diskutiert. Einige Details gab es zu berücksichtigen, und intuitiv möchte man sich für das „kleinere Übel“ von 164 statt 70.164 Opfern entscheiden. Doch auch dem Tode nahe Personen dürfen laut Verfassung nicht getötet werden, um anderen das Leben zu retten. Und darf sich eine einzelne Person über diese Maxime zur Menschenwürde hinwegsetzen?

Die Bremer Kinobesucher entschieden sich in der Kürze der Zeit mehrheitlich für ein „unschuldig“ im Sinne der Anklage, also Mord. Rainer, Sandra und Tochter Marie aus Sebaldsbrück waren geteilter Ansicht. Der Vater verwies auf die einzigartige und kriegsähnliche Situation, bei der man Opfer nicht ausschließen könne. Zusammen mit Tochter Marie (13), die es richtig findet, dass neben den 164 Passagieren nicht noch die 70.000 Stadionbesucher ihr Leben verloren, plädierte er auf „unschuldig“. Anders sah es Mutter Sandra. Ihr Urteil lautete „schuldig“, weil Verfassung und oberstes Gericht für sie entscheidend seien. Auch Reiner und Karen aus Stuhr kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einig waren sie sich aber darin, dass die Filmidee „total gut“ sei. Sie rege zur Diskussion und zur Demokratie an.

Nach der Abstimmung wurde das Urteil „Freispruch“ in eine zweite Filmsequenz übernommen. Abschließend diskutierten Produzentin Heike Voßler, Strafrechtlerin Barbara Kropp, der Moralphilosoph Georg Mohr und Edwin Stamm von der Deutschen Flugsicherungsakademie mit Moderatorin Hilke Theessen über das Urteil.

Bei Theateraufführungen in Deutschland habe es überwiegend Freisprüche gegeben, erzählte Theessen, ebenso in Österreich und der Schweiz. Die Japaner hingegen fällten das Urteil „schuldig“. Heute Abend entscheiden die TV-Zuschauer.

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