Harms-Prozess: Weder Lippenleserin noch Gang-Expertin erhärten Verdacht gegen Angeklagte

„Ich glaube, das wird nichts“

Harms-Geschäftsführer Hans Eulenbruch (links) im Landgericht Bremen mit seinem Verteidiger Erich Joester. Am Freitag wurden im Prozess um schwere Brandstiftung eine Lippenleserin und eine Sachverständige für Gangmuster gehört. Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. An Tag vier im Prozess gegen den früheren Geschäftsführer des Textilhauses „Harms am Wall“, Hans Eulenbruch (64) und den Mitangeklagten Thomas M. (53) wegen besonders schwerer Brandstiftung und Versicherungsbetrugs hat das Landgericht am Freitag zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen: Eine Lippenleserin sowie Bewegungsanalystin wurden als Sachverständige gehört. Beide hatten Videomaterial, das drei Wochen vor dem Großbrand entstand, ausgewertet und präsentierten ihre Ergebnisse dem Gericht.

Es ist der 17. April 2015. Gegen 18.50 Uhr betreten Hans Eulenbruch und sein langjähriger Bekannter Thomas M. über einen Seiteneingang das Bremer Modegeschäft Harms. Eulenbruch geht vor, M. folgt ihm. Wenige Sekunden später ist M. am unteren Bildrand zu sehen, er blickt ins Objektiv der Überwachungskamera und sagt etwas. Da die Aufnahme ohne Ton ist, laut Staatsanwaltschaft aber die beiden dabei zeigen soll, wie sie „Tatortvorbereitungen“ treffen, wird zur Analyse heute eine Lippenleserin zu Rate gezogen. Die 76-jährige Sachverständige, die seit ihrem zweiten Lebensjahr hörgeschädigt ist und sich das Lippenlesen selbst beigebracht hat, tut sich schwer, muss immer wieder die Aufnahme begutachten. Letztlich kommt sie zu einem Ergebnis: „Ich glaube, das wird nichts…“, soll M. mit Blick auf die Kamera gesagt haben.

Wirklich sicher ist sie sich nicht – unter anderem erschweren die schlechte Beleuchtung, der ungünstige Kamerawinkel und die mäßige Bildqualität ihre Analyse. Für Polizei und Staatsanwalt Jan Möhle ist die Sequenz dennoch ein entscheidendes Indiz dafür, dass Eulenbruch und M. am 6. Mai vergangenen Jahres – also rund drei Wochen nach den Aufnahmen – zunächst einen Raubüberfall vorgetäuscht und danach das Traditionsgeschäft in Brand gesteckt haben.

Neben den Ergebnissen der Sprachanalyse berufen sich die Ermittler ebenfalls auf die Auswertung einer Bewegungsanalyse, bei der die Gangmuster von M. und eines auf Band aufgenommenen maskierten Täters vom 6. Mai verglichen wurden.

Eine Sportwissenschaftlerin (58) von der Uni Bremen, die sich nach eigenen Angaben seit 1985 mit der Bewegung von Menschen beschäftigt, sieht bei ihrer Aussage zwar „markante Übereinstimmungen“, möchte aber „ungern“ eine konkrete Aussage dazu treffen, ob M. der maskierte Einbrecher sei. Zwar weisen beide Personen mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ dasselbe Gangmuster auf, da aber nur zwei von insgesamt acht Bewertungskriterien zweifelsfrei untersucht werden konnten, gebe es keine „wahren Werte“. „Hätte ich weitere Vergleichsaufnahmen, würde die Wahrscheinlichkeit auf 70 bis 80 Prozent steigen“, sagt sie.

Für Hans Eulenbruch, dessen Mobiltelefondaten ebenfalls ausgewertet wurden, ist die Sachlage klar. Während einer Verhandlungspause sagt er: „Die Sache ist durch ab hier.“

Ein IT-Experte der Bremer Polizei (34) kann zwar durch die Analyse von Eulenbruchs Smartphone herausfinden, dass 93 Telefonnachweise „aktiv gelöscht“ wurden, doch laut Eulenbruch ist dies ein „iPhone-Problem, über das es ganze Foreneinträge“ gebe. Zudem lasse sich nicht nachweisen, ob Eulenbruch am Tatabend, wie angegeben, mehrmals die Notrufzentrale angerufen hat oder nicht, sagt der Gutachter.

Eulenbruch und Thomas M. drohen bei einer Verurteilung mindestens fünf Jahre Haft. Der Prozess wird am Mittwoch, 24. August, fortgesetzt.

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