Anonymer Tipp macht Polizei aufmerksam

Harms-Prozess: Chefermittler sagt aus

Bremen - Von Steffen Koller. Am Mittwoch hatte eine Gangexpertin den Mitangeklagten Thomas M. (53) im Prozess wegen des Großfeuers bei „Harms am Wall“ schwer belastet, am Freitag folgte vor dem Landgericht Bremen die harsche Kritik der Verteidigung, die von einem Gutachten „außerhalb jeden vertretbaren Niveaus“ sprach. Außerdem schilderte der polizeiliche Ermittlungsführer, warum der ebenfalls angeklagte ehemalige Geschäftsführer des Modehauses, Hans Eulenbruch (64), überhaupt ins Visier der Behörden geriet.

Es seien immer die gleichen Menschen, die Feuer legen würden, sagt Eulenbruchs Verteidiger Erich Joester: „Verrückte, Feuerwehrleute und Menschen in finanzieller Not.“ Zu welcher Kategorie wohl sein Mandant gehöre, fragt Joester rhetorisch in den Saal. Die Frage ist an den leitenden Kriminalbeamten (37) gerichtet, der seit dem Großbrand im Mai 2015 die Ermittlungen gegen Eulenbruch und Thomas M. führt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern vor, einen Raubüberfall vorgetäuscht und anschließend das Traditionshaus in Brand gesetzt zu haben. Beide müssen bei einer Verurteilung wegen schwerer Brandstiftung, Vortäuschens einer Straftat und Versicherungsbetrug mit mindestens fünf Jahren Haft rechnen.

Zwar will der 37-jährige Beamte die Frage nicht beantworten, doch erklärt er, warum Eulenbruch überhaupt in den Fokus der Ermittler geraten ist. Drei entscheidende Verdachtsmomente hätten die Polizisten damals auf die Spur des heute 64-Jährigen gebracht. 

Zum einen hätten die Beamten bereits zwei Tage nach dem Brand einen anonymen Tipp eines Sparkassen-Mitarbeiters erhalten, der mitteilte, Eulenbruch habe Schulden und so ein mögliches Motiv. Zum anderen sei in den Büroräumen des Angeklagten ein „verdächtiger Kontoauszug“ gefunden worden – und letztlich hätten die Versicherer Eulenbruchs den Verdacht geäußert, dass er der mutmaßliche Brandstifter sei. Nur vier Tage nach dem Brand galt Eulenbruch bereits als Beschuldigter, so der Beamte.

Für Eulenbruch sind die Anschuldigungen „vollkommen lebensfremd“. Und er bezieht sich damit nicht nur auf die Ermittlungen gegen ihn. Auch über die am Mittwoch vorgetragene Bewegungsanalyse, die für die Anklagevertretung als Hauptbeweis gegen Thomas M. gilt, sei er „entsetzt und fassungslos“. Gerade die mangelnde wissenschaftliche Grundlage des Gutachtens sei ausschlaggebend, betont auch sein Verteidiger Joester. Es sei „mit das Schlechteste, was ich je an Gutachten gesehen habe“, sagt er. 

Sollte das Gutachten, welches nach Auffassung der Verteidigung ohne jegliche Kenntnis der Angeklagten erstellt wurde, zu einer Verurteilung führen, wolle man sich „wehren“, so Joester. Während die Vorsitzende Richterin klar macht, dass sie das Gutachten sehr wohl als bedeutend ansieht und es nach ausführlicher Prüfung würdigen wolle, kommt auch ein mögliches Alibi von Thomas M. zur Sprache. Zwei ehemalige Restaurant-Mitarbeiter des 53-Jährigen, die womöglich am Tattag Dienst hatten, können sich am Freitag aber nicht erinnern, ob sie überhaupt im Lokal waren. Stundenzettel, die genau Auskunft geben könnten, wer am 6. Mai 2015 arbeitete, seien verschwunden.

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Rubriklistenbild: © dpa

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