„Mein Kunst-Stück“ mit Mechtild Bögers Werk „Die Eiche“

Das Gedächtnis des Drahtes

Der Baum mit seinen Schattierungen besteht aus einem einzigen Draht. Mechtild Böger bog ihn zu unzähligen Schlingen und Schlaufen. - Foto: Langkowski

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Die Eiche“ heißt Mechtild Bögers Werk, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Die flexible Skulptur ist aus einem einzigen Draht entstanden. Jeder gebogene und gewobene Weg mit dem Draht ist wohldurchdacht.

Mechtild Böger hat „Die Eiche“ ausgewählt, weil es ihr jüngstes Werk ist. Es steht sowohl für eine typische Machart der Künstlerin als auch für eine neue Qualität. Alle Strukturen sind intensiv ausgearbeitet. Blattwerk und Äste sind nicht nur gebogen, sondern ineinander verwoben. Rund 100 Meter dunklen Draht hat die Bremer Künstlerin verarbeitet. „Man muss gut aufpassen, damit man genügend Draht hat, um ihn aus einer geformten Strecke wieder zum Ausgangspunkt zurückführen zu können“, erklärt Böger. Gestückelt wird bei ihr nicht und ein einmal gebogener Weg kann nicht rückgängig gemacht werden. „Der Draht hat ein Gedächtnis“, sagt sie.

Etwa ein Jahr Arbeit steckt in „Die Eiche“. Eine Zange benötigt die Künstlerin nicht. Sie formt Biegungen, Schlaufen mit den Fingern. Zu Beginn stand nur das Motiv fest, ein Baum. Während der Arbeit stellte sich heraus, dass es eine Eiche werden würde. „Eichen sind Lichtbäume, deswegen sehen sie häufig etwas zerrupft aus“, meint Böger. Das Weglassen von Flächen und Strukturen ist ihr wichtig: In der Beschränkung liegt die Form.

Auf den Draht gekommen ist die Künstlerin durch ihre Experimentierfreude. Zuerst formte sie einfache Linien, später komplexere Körper oder ganze Gewebe. Dazu gehört beispielsweise ein gehäkelter goldfarbener Kettenhelm, ein Goldgewand oder drei aus feinem Draht gehäkelte Bratpfannen. Aus 8 000 einzelnen büroklammerähnlichen Plastikelementen knüpfte Böger ein tragbares Oberteil mit langem Rock. Im Kontrast zu den gewebeartigen räumlichen Objekten stehen ihre einfarbigen Tusche- und Tintenzeichnungen mit schwungvollen, reduzierten Pinselstrichen. Drucke mit klaren Linien oder Installationen aus unterschiedlichsten Techniken zeigen Bögers Vielfalt.

Die gebürtige Bochumerin gehört nicht zu jenen, die schon als Kind und eigentlich schon immer gezeichnet haben. Dennoch entschloss sie sich zu einem Kunststudium, vor allem wegen der Kunstgeschichte. Dabei lernte sie auch, mit den unterschiedlichen Techniken und Materialien zu arbeiten. Für Böger ist größte Herausforderung des Künstlerlebens, an der Arbeit dranzubleiben. Denn über die Zeit erfolge eine Auseinandersetzung mit der Kunst von anderen, sagt sie. Man könne sich einordnen, reflektieren und sehen, welchen Weg man gehen will.

Ob wir Kunst brauchen? – „Kunst ist einfach da“, sagt die Wahl-Bremerin. Davon zeugten Höhlenbilder, Muster und ausgearbeitete Schriftzeichen. Über Bilder würden tiefere Wahrnehmungsebenen angesprochen. Es sei spannend, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Es ist ein Spiegel der Gesellschaft. „Ob der allerdings angenommen wird, ist eine andere Frage.“

Zu den Künstlern, die für Böger bedeutend sind, zählen der deutsche Maler und Grafiker Georg Grosz (1893 bis 1959) sowie die italienische Barock-Malerin Artemisia Gentileschi (1593 bis 1653). An Grosz gefällt Böger, dass man sich seine Bilder erarbeiten muss. „Er ist sperrig. Er ist intensivst in Linie, Zeichnung, Zeitgeschichte und seinem Leben.“ Gentileschi wiederum findet Böger von der Biographie her spannend. Sie habe ihre Kunst gemacht, obwohl die Gesellschaft dafür damals wenig bereit war.

Wenn Böger jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann ginge „Die Eiche“ mit der im Stamm hängenden Säge an den Umweltsenator und den Deichverband, die die Platanen in der Neustadt fällen wollen. Es wäre mit der Frage verbunden, ob dann neue Platanen gepflanzt werden.

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