Musiktheaterstück „Sehnsuchtslieder von der Gegenküste“ feiert gelungene Premiere

Erst geflohen, jetzt bejubelt

Zu Schlagern der 50er und 60er Jahre und traditionellen Liedern aus Afghanistan oder Syrien gesellen sich auch Sketche. Unter anderem wird die deutsche Bürokratie aufs Korn genommen. - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Verfolgt, geflüchtet – und auf einmal auf der ganz großen Bühne: Mit dem Programm „Sehnsuchtslieder von der Gegenküste“ präsentiert die Hafenbar „Golden City“ nicht nur ein amüsantes und rührendes Musiktheaterprojekt, es zeigt geflohenen Menschen auch eine Perspektive auf. Am Donnerstagabend war Premiere am Bremer Europahafen. Eine Premiere geprägt von Emotionen und viel Erkenntnis.

Verschleppt, gefoltert, in Todesangst. Dieses Schicksal teilen viele der insgesamt elf Flüchtlinge, die am Donnerstagabend auf der Bühne in der provisorisch zusammengezimmerten Hafenbar „Golden City“ ihren großen Auftritt haben. Mal war es die Religion, die sie zwang, ihre Heimat zu verlassen, mal der Bürgerkrieg, der sie veranlasste, alles stehen und liegen zu lassen. Heute, jetzt und hier scheint es so, als würden sie das alles für einen Moment vergessen, nach vorne blicken. Viele der Iraner, Afghanen, Syrer oder Kurden lachen, schauen nervös ins Publikum, Schweißperlen laufen ihnen von der Stirn. Wird unser Programm auch gut ankommen?

Es kommt an, so viel sei verraten. Rund eineinhalb Stunden vermengen die Musiker unter Anleitung von Initiatorin und Kulturpädagogin Frauke Wilhelm traditionelle Klänge ihrer Heimat mit deutschen Schlagern und Chansons der 50er und 60er Jahre, packen Hiphop-Rhythmen oben drauf, machen es poppig, Balladen folgen auf Kabarettstücke. Es sind Lieder, bei denen in ihrem Land das Radio aufgedreht wird, bei dem schon Großmutter in der Küche anfing mit dem Fuß zu wippen. Und es kommen ganz klassische Seemannslieder dazu – schließlich ist Bremen Hansestadt.

Während der Sonnenuntergang den Europahafen in orangefarbenes Licht taucht, sagt Frauke Wilhelm, dass alle Beteiligten während der Proben teilweise „am Rand“ gewesen seien. Es sei schwierig gewesen, aber umso bereichernder, verschiedene Kulturen und Stile zu einem Programm verschmelzen zu lassen. Ein Mann aus Aleppo fasst sich beim minutenlangen Applaus auf sein Herz, will zeigen, dass ihm der Zuspruch und die Zuneigung nahe gehen. Dem Publikum geht es nicht anders, als über eine Videoleinwand einzelne Schicksale von den Protagonisten geschildert werden. Auf Stille und Innehalten folgen Jubel und ausgelassene Stimmung.

Saxophone erklingen, Trommeln geben den Rhythmus vor, bald ist ein ganzer Chor angestimmt, die Musiker wedeln mit Puscheln umher, nehmen nicht nur die deutsche Bürokratie aufs Korn, sondern sparen auch nicht an Selbstironie. Deutsche Sprichwörter hallen durch den Raum, während auf einer Leinwand die einzelnen Herkunftsländer der Darsteller gezeigt werden.

Für Frauke Wilhelm, die seit März zwei Mal wöchentlich mit den Musikern geprobt hat, ist genau das Demokratie: Verschiedene Menschen mit ihren natürlichen Vorurteilen, Stereotypen und Eigenschaften gemeinsam etwas erschaffen lassen. Es ist nicht nur Demokratie, es ist auch ein gelungenes Stück Integration, das noch bis zum 21. August in der Kneipe mit Charme zu sehen ist.

www.goldencity-bremen.de

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