Kind überfahren: 27-Jähriger steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht

Emotionen kochen hoch

Der Angeklagte (rechts) und sein Verteidiger Martin Stucke kurz vor Eröffnung des Prozesses wegen versuchten Totschlags vor dem Bremer Landgericht. - Foto: Kowalewski

Bremen - Die Emotionen nach dem Prozessauftakt vor dem Landgericht wegen versuchten Totschlags kochten hoch: Familienangehörige des lebensgefährlich verletzten Unfallopfers (13 Jahre) beschimpften den 27 Jahre alten Angeklagten und dessen Angehörige. Der Streit zwischen beiden Familien ging hin und her. Der 27-Jährige wird beschuldigt, den 13 Jahre alten Jungen mit dem Auto überfahren zu haben und geflüchtet zu sein. Die Mutter des Kindes tritt als Nebenklägerin auf.

Der Unfall am 10. Juni erschütterte die Bremer: Gegen Mittag fährt ein Auto mit etwa 40 bis 50 km/h an der Kreuzung Julius-Brecht-Allee/Konrad-Adenauer-Allee vor einer roten Ampel auf dem linken Fahrstreifen an allen wartenden Fahrzeugen vorbei. Der Wagen erfasst den 13-Jährigen, der bei Grün über die Straße geht. Das Kind fliegt 15 Meter durch die Luft und erleidet schwerste Kopf- und Hirnverletzungen. Doch das ist noch nicht alles: Zeugen berichten später, dass ein Mann aus dem Unfallauto stieg, zum schwerverletzten Kind ging und dann zum Wagen zurückging. Schließlich soll das Auto davongebraust sein, ohne dass der Fahrer Hilfe holte.

Soweit das Geschehen im Juni. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass der 27-Jährige der Fahrer war. Er muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Der Vorwurf der Ankläger: Er habe die Gefahr im Vorfeld gekannt und den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen. Wie der Vorsitzende Richter Manfred Kelle sagte, komme diese Anklage bei einem Verkehrsdelikt selten vor. „In der Regel hat man es eher mit fahrlässigem Verhalten zu tun. Der Vorwurf eines bedingten Tötungsdeliktes bezieht sich auf eine innere Haltung des Angeklagten. Wir müssen dieses aus äußeren Indizien schließen“, so Kelle. „Wir müssen außerdem klären, ob der Angeklagte überhaupt gefahren ist.“

Angeklagter schweigt

Der Angeklagte machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Daraufhin ging ein Raunen durch den Saal. Alles andere als wortkarg zeigte sich der Verteidiger des Bremers. Martin Stucke beantragte die Einstellung des Verfahrens und die Freilassung seines in Untersuchungshaft sitzenden Mandanten. Er sehe keine ausreichenden Beweise für eine Verurteilung. „Man sollte in Anbetracht der hohen Hemmschwelle bei einer Tötung erwägen, dass der Angeklagte die Gefahr nicht erkannt hat. Die Anklage bezieht überhaupt nicht die Möglichkeit ein, dass es sich um einen unbedachten Fehler handeln könne“, so Stucke weiter.

„Die Aussage, der Verdächtige habe die Kreuzung gekannt, ist nichts wert. Ein Wissensstand, in diesem Falle noch nicht mal belegt, reicht nicht, um eine billigende Tötung zu belegen“, sagte der Verteidiger. Außerdem werde seinem Mandanten vorgeworfen, in abgehörten Gesprächen keinen Ausdruck des Bedauerns gezeigt zu haben, was als Vorsatz gewertet werde. Das sei kein brauchbares Indiz, so Stucke.

Nach der Verhandlung sagte der Verteidiger gegenüber unserer Zeitung: „So einen Vorwurf habe ich bei einem solchen Vorfall noch nicht erlebt. Die haben noch nicht mal einen Fahrer.“ Er vermutet, es habe sich „Unsinn“ fortgesetzt. Er kündigte zu einem späteren Zeitpunkt eine Erklärung zur Anklage an.

Keine handfesten Beweise

Nach Angaben von Gerichtssprecher Thorsten Prange hat die Staatsanwaltschaft keinen handfesten Beweis, dass der Angeklagte das Auto tatsächlich gefahren hat. Die Ermittler hatten mit einem baugleichen Fahrzeug nach dem Verursacher gefahndet (wir berichteten). Schließlich wurden drei Tatverdächtige ausgemacht, der Unfallwagen wurde in der Neustadt gefunden und sollte wohl verschrottet werden, wie es damals hieß. Während die beiden anderen Männer wieder auf freien Fuß kamen, landete der 27-Jährige in der Untersuchungshaft. Ermittler und Anklage halten ihn für den Fahrer.

Der verletzte Junge wurde nach dem Unfall im Klinikum Mitte notoperiert. Ihm musste ein Schädelstück entnommen werden, um die große Blutung im Schädelinneren ausräumen zu können, wie es heißt. Noch heute ist das Kind in Behandlung.

Der Prozess wird am Freitag, 25. November, fortgesetzt. Dann soll der Unfall rekonstruiert werden. - gn/mko

Mehr zum Thema:

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Bartels hält Werder am Leben

Bartels hält Werder am Leben

Meistgelesene Artikel

Weltkriegsbombe in Bremen entschärft

Weltkriegsbombe in Bremen entschärft

24-Jähriger schießt auf Frau

24-Jähriger schießt auf Frau

Sparkasse Am Brill: Käufer gesucht

Sparkasse Am Brill: Käufer gesucht

Drei Meter dicke Mauern

Drei Meter dicke Mauern

Kommentare