Wertung oft nicht transparent

Altenheim-Benotungen: Eine Eins ist nicht gleich „sehr gut“

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Die Benotungen von Altenheimen sind oft nicht wirklich transparent. Ein neuer „Wegweiser Pflege“ des Recherchezentrums „Correctiv“ will Abhilfe schaffen.

Bremen - Von Simone Schnase. Bei der Suche nach einem Pflegeheim soll die Bewertung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) für Orientierung sorgen: Er kontrolliert und bewertet Heime. Das Ergebnis findet sich fast immer auf den Internetseiten der Pflegeeinrichtungen wieder, denn mit der Gesamtnote können diese sich schmücken: Stets bewegt sich die MDK-Note zwischen „sehr gut“ und „gut“.

Selbst die „Seniorenresidenz Kirchhuchting“ bekam noch im Juli 2015 die Note 2,1 – und das, obwohl ihr gut drei Monate später aufgrund schwerer Pflegemängel der Betrieb untersagt wurde (wir berichteten). Der MDK vergibt Noten für vier Kategorien. Obwohl sie sich aus unterschiedlich vielen Einzelkomponenten zusammensetzen, werden alle vier Noten gleich stark gewichtet. Bekommt ein Heim also für bis zu 32 Kriterien im Bereich „Pflege und medizinische Versorgung“ eine schlechte Bewertung, kann die „ausgeglichen“ werden durch ein „sehr gut“ für nur maximal neun Kriterien im Bereich „Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung“.

Für eine Alternative und mehr Transparenz auf dem Markt der bremischen Altenheim-Anbieter sollte das Bremische Wohn- und Betreuungsgesetz sorgen. Dort heißt es unter anderem, dass die der Sozialbehörde unterstellte Heimaufsicht ihre Prüfberichte über Pflegeeinrichtungen gemeinsam mit einer Liste aller bremischen Heime veröffentlicht. Die Liste findet sich auf der Internetseite der Sozialsenatorin, die Berichte der Heimaufsicht aber nicht: Die „Transparenzoffensive“ setzte eine Vereinbarung mit den Verbänden der Einrichtungsträger voraus – und die ist nie zustandegekommen.

„Verbraucherzentrale Bremen hat das Thema bisher vernachlässigt“

So bleiben Informationen über Altenheime in Bremen weitestgehend im Dunkeln – selbst die, dass der Aufnahmestopp in der Kirchhuchtinger Seniorenresidenz, die unter einem neuen Träger weiterbetrieben wird, seit Wochen aufgehoben ist. „Unter Auflagen und unter enger Begleitung der Wohn- und Betreuungsaufsicht darf die Einrichtung bis zu sechs Bewohner zusätzlich im Monat aufnehmen, bis die Kapazität wieder erreicht ist“, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde. „Auch die Verbraucherzentrale in Bremen hat das Thema Pflegeheime bisher vernachlässigt“, sagt Reinhard Leopold, Gründer der Bremer Angehörigeninitiative „Heim-Mitwirkung“. Auf Internet-Bewertungsportalen seien die Ergebnisse nicht verifizierbar, und die persönliche Inaugenscheinnahme eines Heims bringe nicht viel, denn Pflegemängel seien so nicht erkennbar.

Das in Berlin und Essen ansässige Recherchezentrum „Correctiv“ versucht nun, Licht ins dieses Dunkel zu bringen: 18 Monate lang hat es Daten zu allen 13 000 Pflegeheimen in Deutschland ausgewertet. Im „Wegweiser Pflege“ auf der Internetseite von „Correctiv“ sind seit Anfang Juni sämtliche Heime aufgelistet, auch die bremischen. Verständlich formuliert, wird der Schwerpunkt hier nicht auf die MDK-Gesamtnote gelegt, sondern auf die Einzelbenotungen relevanter Kriterien. Bezogen auf die (übrigens noch nicht aktualisierte) MDK-Bewertung der Kirchhuchtinger Seniorenresidenz, liest sich das so: „Das Heim (…) hat für seine pflegerische und medizinische Versorgung die Schulnote 3,3 erhalten. Das ist schlechter als der Durchschnitt aller Heime in Bremen. Wichtig: Fast alle Pflegeheime bekommen eine sehr gute Note. Diese Note allein sollte also nicht Grundlage Eurer Entscheidung sein. Dieses Pflegeheim ist normal bepreist und Ihr müsst im Vergleich mit anderen Heimen in Bremen drei Prozent weniger bezahlen. (…) Seniorenresidenz Kirchhuchting ist ein sehr großes Pflegeheim mit 84 belegten Betten in der vollstationären Pflege. Das Heim wird von einem privaten Betreiber geführt. Es könnte sein, dass die Pfleger hier nicht nach Tarif bezahlt werden.“ Daneben werden Bewertungsdetails hervorgehoben, zum Beispiel: „Dieses Heim hat bei der Nahrungs- oder Flüssigkeitsversorgung nicht die volle Punktzahl erreicht. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass es hier in der Vergangenheit Mängel gegeben hat.“

„Gut ist hier auch“, sagt Leopold, „dass man alle Heime eines Trägers miteinander vergleichen kann.“ So kämen die Einrichtungen der Mediko-Gruppe, zu der bis Anfang 2016 das Heim in Kirchhuchting gehört hat, bundesweit schlecht weg – ein wichtiger Anhaltspunkt für Heimsuchende.

Auch die „Correctiv“-Ergebnisse für die 17 Heime der Curata-Gruppe sind aufschlussreich: Die nämlich ist neue Betreiberin der Seniorenresidenz und präsentiert die durchschnittlich sehr guten MDK-Noten ihrer Einrichtungen als Laufband auf ihrer Internetseite. Wie die sich zusammensetzen, ist nicht zu ersehen – lediglich, von wann sie sind. Ebenfalls werbewirksam animiert, springt dem Besucher der Homepage direkt ins Auge: „Curata: 1. Platz in 2012 bei den MDK-Bewertungen der 50 größten Pflegeheimbetreiber Deutschlands.“ Die Auswertungen im „Wegweiser Pflege“ klingen anders – was im Übrigen für die Mehrheit aller Pflegeheime in Deutschland gilt: Für 60 Prozent von ihnen gibt es in den entscheidenden Kategorien der MDK-Prüfungen Hinweise auf Mängel.

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