„Ein verbreitetes Tabu“

„Erinnerungsbuch“ nennt erstmals Namen der Opfer von NS-Medizinverbrechen

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822 Namen hat die Bremer Kulturwissenschaftlerin und Autorin Gerda Engelbracht recherchiert. Ihr „Erinnerungsbuch“ begleitet die Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet“. 

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Viele Jahre waren die nationalsozialistischen Medizinverbrechen kein Thema, das öffentlich breit diskutiert wurde – von einer Erinnerung an die Opfer ganz zu schweigen. In Bremen rücken Thema und Opfer jetzt verstärkt in den Fokus – mit einer Ausstellung in der Unteren Rathaushalle und mit einem „Erinnerungsbuch“, das gestern im Staatsarchiv vorgestellt wurde.

In Deutschland wurden ab 1934 bis zu 400 000 Menschen gegen ihren Willen sterilisiert und mehr als 200 000 Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten ermordet. In Bremen erinnert der „Irrstern“, ein Mahnmal der Künstlerin Marikke Heinz-Hoek auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Ost, seit dem Jahr 2000 an die NS-Euthanasieopfer.

Für das „Erinnerungsbuch“ hat die Bremer Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht insgesamt 822 Namen recherchiert – die Namen von 822 kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen, Frauen und Männern, die in Bremen oder Bremerhaven geboren wurden oder gelebt haben. Und die zu den Opfern der nationalsozialistischen Medizinverbrechen zählen. Namen von A bis Z, von Daniel Abegg (1869 bis 1943) bis Luise Zufall (1892 bis 1942).

Menschen, die als „lebensunwert“ diffamiert, an den Rand der Gesellschaft und schließlich physisch vernichtet worden sind – in der Verantwortung von Ärzten, Verwaltungsleuten, Pflegekräften. Über Jahrzehnte seien die Opfer im kollektiven Gedächtnis der Stadtgesellschaft nicht präsent gewesen, ihr Schicksal schien vergessen zu sein, sagt der Leiter des Staatsarchivs, ProfessorKonrad Elmshäuser. Er und mit ihm viele andere hätten die Zahl der Opfer unterschätzt: „Eine schreckliche Bilanz, die mich geschockt hat.“ Engelbrachts Buch zieht die Opfer nun aus dem Dunkel des Vergessens. Die Namen zu nennen – „das ist das einzige, was man für diese Menschen noch tun kann“, sagt Engelbracht.

Wer über die Verbrechen gesprochen habe, sei nach dem Krieg als Nestbeschmutzer beschimpft worden, sagt der 79-jährige Hans Walter Küchelmann, dessen Schwester Gertraude 1942 im Alter von drei Jahren in Lüneburg gestorben ist.

Getötet wurde außerhalb der Stadt

Bis heute gibt es der Autorin zufolge „ein verbreitetes Tabu“, Namen der Opfer von NS-Medizinverbrechen zu benennen. Ähnliche Bücher sind nach ihren Informationen in München und in Hamburg geplant. In Leipzig und in Wuppertal gebe es Online-Portale. Engelbracht nennt auch Täter und Beteiligte. Um sie zu töten, wurden die Bremer Opfer in der Regel in Anstalten außerhalb der Stadt gebracht. Zudem hat Engelbracht ihre Sammlung um elf beispielhafte „biografische Skizzen“ ergänzt, in denen sie individuelle Schicksale schildert – das eines Epileptikers zum Beispiel, dem in der Bremer Nervenklinik vorsätzlich Medikamente entzogen worden waren.

Oder die Geschichte eines Mädchens, das im Alter von etwa vier Jahren vermutlich an einer Hirnhautentzündung erkrankt war. Als sie 14 war, hieß es plötzlich: „Angeborener Schwachsinn mittleren Grades.“ 1944 starb die junge Frau nach dreieinhalb Jahren auf der Isolierstation – mit 22.

Engelbrachts Buch begleitet die Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet“, die am Mittwoch, 3. August, um 17 Uhr im Rathaus eröffnet wird. Von Donnerstag, 4. August, bis Dienstag, 6. September, ist sie dann in der Unteren Rathaushalle zu sehen – als Projekt der „Kulturambulanz“ des Klinikums Bremen-Ost. Die Ausstellung thematisiert die „rassenhygienische“ Politik der Nationalsozialisten, die Ideengeschichte der Eugenik und ihre Umsetzung. Sie beschäftigt sich mit den Opfern, den Tätern – und den Opponenten, wie es in einer Vorschau heißt. Für Bremen ist die Wanderausstellung um exemplarische Biografien von Bremer Opfern ergänzt worden.

Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Workshops und Gesprächsrunden soll auch Bezüge zur Gegenwart herstellen – etwa in der Diskussion über „medizinethische Fragen im Wandel der Zeit“ (31. August, Obere Rathaushalle, 17 Uhr).

Gerda Engelbracht: „Erinnerungsbuch“, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, Edition Falkenberg. 252 Seiten, Preis: 19,90 Euro.

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