Schienenstränge siebenmal so teuer wie Autobahn Bremen-Hamburg

Drei Milliarden in die neue Eisenbahn-Welt

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Das Eisenbahnnetz östlich Bremens wird kühn ausgebaut. Rund drei Milliarden Euro stellt der Bundesverkehrsminister dafür in den kommenden 14 Jahren zur Verfügung.

Bremen - Von Heinrich Kracke. Der Schienenverkehr rund um Bremen steht vor den größten Veränderungen seiner Geschichte. Der Nahverkehr soll in den nächsten Monaten weiter ausgebaut werden und an die Grenzen des Möglichen gehen. Gleichzeitig hat das Bundesverkehrsministerium die Baukosten für die so genannte Alpha-Trasse im Großraum zwischen Hamburg, Bremen und Hannover beziffert.

Der gesamte Schienennahverkehr rund um Bremen wird in den nächsten Jahren neu ausgeschrieben. Als erstes ist das Hansenetz in Richtung Rotenburg (gelb) an der Reihe.

Die unglaubliche Summe von runden drei Milliarden Euro sollen innerhalb der nächsten anderthalb Jahrzehnte in den Ausbau der Schienenstränge fließen. Zum Vergleich: Schon der sechsspurige Autobahnausbau zwischen Bremen und Hamburg fiel mit 420 Millionen Euro nicht gerade billig aus. Die neue Eisenbahnherrlichkeit wird siebenmal so teuer. Wenn denn die Preise gehalten werden können.  Mal eben innerhalb von 13 Minuten von Achim zum Bremer Hauptbahnhof oder innerhalb von 22 Minuten von Syke in die City der Hansestadt – die unschlagbaren und gleichzeitig verlässlichen Fahrzeiten haben sowieso den Nahverkehr auf der Schiene aus dem Mauerblümchen-Dasein herausgeführt und ihn zum Erfolgsmodell gemacht. Abertausende von Pendlern beginnen und beenden ihren Arbeitstag mit der komfortablen Reise. Doch längst gerät die neue Bahnherrlichkeit an ihre Grenzen. Das wird an den nächsten Streckenausschreibungen deutlich, die die Landesnahverkehrsgesellschaft auf den Weg bringt. Schon im Herbst soll eines der erfolgreichsten Projekte neu ausgeschrieben werden, das Hansenetz, das die Stadt Hamburg einerseits mit Hannover und andererseits mit Bremen verbindet. Der Metronom bedient die Strecken gegenwärtig mit Regionalexpress und Regionalbahnen. Schon zum zweiten Male hatte das Uelzener Bahnunternehmen mit den gelbblauen Zügen den Wettbewerb gewonnen. Jetzt stellt es sich zum dritten Male voraussichtlich zumindest dem Konkurrenten DB AG, wahrscheinlich auch noch weiteren Interessenten. „Das Hansenetz ist attraktiv.“

Hanse-Netz wird neu vergeben

Sehr attraktiv sogar. Die Nahverkehrsplaner wollen das Angebot aufgrund des kräftigen Fahrgäste-Zuspruchs weiter ausreizen. „Im Rahmen der Ausschreibung sollen alle Regionalbahn-Züge mit sechs Wagen verkehren, heute verkehren einige Züge noch als Fünf-Wagen-Züge“, sagt Rainer Peters von Landesnahverkehrsgesellschaft. Mehr geht nicht. Die schnelleren Regional-Express, die nicht an jeder Station halten, haben das Ende der Fahnenstange schon erreicht. Peters: „Die RE‘s mit sieben Wagen können nicht mehr verlängert werden, sie würden sonst in Hamburg nicht auf den Bahnsteig passen, wo in der Hauptverkehrszeit oft zwei Züge hintereinander stehen.“ Schon in zwei Jahren soll der Gewinner der Ausschreibung den Fahrverkehr aufnehmen.

Schon zum dritten Male erfolgt die Ausschreibung für das Hansenetz, die im Herbst beginnen soll. Der Metronom setzte sich zweimal durch.

Das Hanse-Netz ist allerdings nur der Anfang. Sämtliche Nahverkehrsstrecken rund um Bremen kommen in den nächsten Jahren unter den Hammer. „Start der Ausschreibungen ist 2017, die Betriebsaufnahme erfolgt ab Dezember 2021,“ sagt Peters. Noch teilen sich auf den südlichen Strecken ab Bremen die Bahn und die privaten Bahnunternehmen die Routen schiedlich friedlich. In Richtung Osnabrück (über Kirchweyhe und Syke) sowie Hannover (über Achim und Verden) ist die Bahn-AG mit dem Regional-Express unterwegs, während die Nordwestbahn die Regionalbahnen betreibt. Zusätzlich tourt der „Erixx“ auf dem Abschnitt von Bremen über Langwedel in Richtung Soltau und die Bahn AG von Verden nach Rotenburg. Nicht unwahrscheinlich nun, dass der Farbmix deutlich aufgefrischt wird.

Vor allem das Celler Eisenbahn-Unternehmen Erixx hat in den vergangenen Jahren für Furore gesorgt. Auf der zweiten Strecke, die die Heide-Eisenbahner bedienen, die Linie von Buchholz in der Nordheide über Soltau bis nach Hannover, stiegen die Fahrgastzahlen innerhalb von lediglich fünf Jahren um satte 50 Prozent. Eine Steigerung, die allerdings auch das ganze Dilemma des Bahnverkehrs heutigen Zuschnitts aufzeigt. „Erhebliche Investitionen in den Streckenausbau, in moderne und barrierefreie Bahnhöfe wie auch in komfortable, spurtstarke Züge zahlen sich aus,“ sagte LNVG-Chef Hans Joachim Menn.

Das Problem jedoch: Wo dieser Streckenausbau nicht intensiviert ist, neigt der Otto Normalpendler eher nicht zum Einsteigen. Auf dem Abschnitt von Bremen über Langwedel nach Soltau, wo ebenfalls komfortable Züge im Einsatz sind, stiegen die Fahrgastzahlen in den vergangenen fünf Jahren, so Peters, um lediglich fünf Prozent.

Nicht unwahrscheinlich aber, dass genau diese Strecke in den kommenden Jahren eben doch ausgebaut wird, dies allerdings nicht vorrangig wegen der Fahrgäste. Und das sorgt nicht nur für gut gelaunte Mienen in den betroffenen Gemeinden. Der milliardenschwere Schienen-Ausbau, der in den kommenden Jahren geplant ist, dient vorrangig dem Güterverkehr. Schon jetzt wissen die Betreiber der Seehäfen nicht, wohin mit Container und Co., die in Bremerhaven und zunehmend auch in Wilhelmshaven von den Ozeanriesen abgeladen werden. Logistiker gehen davon aus, dass sich der Güterumschlag in den nächsten 15 Jahren sogar nahezu verdoppeln wird. Und da der Lastwagen-Verkehr auf den Autobahnen Kapazitätsgrenzen erreicht hat, fällt immer häufiger die Schiene in den Blick der Spediteure.

Gleich doppelt betroffen von der neuen Investitionslaune des Bundesverkehrs-Ministeriums ist die Gemeinde Kirchlinteln. Sowohl die Amerikalinie von Bremen über Langwedel nach Soltau führt über ihr Gemeindegebiet als auch die Linie von Verden nach Rotenburg. „Ich kann natürlich nicht begeistert sein, wenn täglich bis zur 40 Güterzüge mehr an Kirchlinteln vorbeirollen,“ ließ sich unlängst Bürgermeister Wolfgang Rodewald zitieren. Allerdings ruhen seine Hoffnungen und die seiner Amtskollegen auf dem Lärm- und Erschütterungsschutz, der beim Gleisausbau angewendet wird.

Die Amerikalinie, die einst den Auswanderern aus dem Berliner Raum als Route nach Bremerhaven diente, wo sie aufs Schiff stiegen, diese Linie wird erst in einem zweiten Schritt ausgebaut. Die Planer der sogenannten Alpha-Linie fangen relativ klein an. Als erstes wollen sie sich dem Abschnitt zwischen Verden und Rotenburg widmen. „Damit soll Anfang des nächsten Jahrzehnts begonnen werden,“ sagt Armin Skierlo von der Bahn-AG. Aufs Tempo drückt auch das Land Niedersachsen. Zehn Millionen Euro stehen der Bahn als Vorfinanzierung für die Planung zur Verfügung. Ein erstes Treffen der Bahnplaner fand bereits vor knapp drei Wochen statt, das nächste ist für September vorgesehen.

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