Defizite und Gesetzesverstöße in Betrieben

DGB-Jugend legt Ausbildungsreport vor: Überstunden zum Nulltarif

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Laut DGB-Ausbildungsreport ein Problemfall: Das Hotel- und Gaststättengewerbe.

Bremen - Von Jörg Esser. „Ausbildung braucht Zeit“, sagt die Bremer DGB-Chefin Annette Düring. Und diese Zeit nehmen nur noch vier von fünf potenziellen Ausbildungsbetrieben. Viele Azubis wiederum leiden unter wachsendem Druck.

Sie beklagen Defizite in der Ausbildung und regelmäßige Überstunden, die häufig unbezahlt bleiben. Das geht aus dem aktuellen Ausbildungsreport für Bremen und Niedersachsen hervor, der am Montag in Bremen vorgestellt wurde. Die DGB-Jugend hat für die Studie 1.635 Azubis aus 16 stark frequentierten Ausbildungsberufen schriftlich befragt. 

„Ein Viertel der Azubis ist unzufrieden mit der Qualität der Ausbildung“, sagt Johanna Waldeck, Jugendbildungsreferentin bei der DGB-Jugend Bremen. „Teilweise verstoßen Arbeitgeber sogar gegen Arbeitsschutzgesetze.“ Vor allem mit den Überstunden sehen es die Betriebe offensichtlich nicht so eng. Fast ein Drittel der Auszubildenden (31,5 Prozent) muss regelmäßig Überstunden leisten – und zwar im Schnitt 4,5 Stunden pro Woche. 

Und: Jeder zehnte Lehrling schenkt der Firma unfreiwillig die Arbeitszeit. 10,4 Prozent der Azubis bekommen für ihre Überstunden weder einen Freizeitausgleich noch eine Bezahlung, geht aus dem Report hervor. So weit, so schlecht.

Problemfalls: Hotel- und Gaststättengewerbe

Noch schlechter ist die Situation im Hotel- und Gaststättengewerbe. Auch das belegt die Studie, die einen Schwerpunkt auf jene Branche setzte, die laut Düring zunehmend zu einem Problemfall werde. So meldeten die Betriebe viele freie Ausbildungsplätze, so gebe es gleichzeitig hohe Abbrecherquoten bei den Nachwuchsköchen und -hotelkräften sowie eine hohe Wanderungsbewegung. 

„Zwei Drittel der Azubis wechseln in der Lehrzeit mindestens einmal den Arbeitgeber“, sagt Philipp Thiessen, fast fertiger Koch-Azubi aus Bremen. Im Hotel- und Gaststättengewerbe sind mit knapp 65 Prozent deutlich weniger Befragte mit ihrer Ausbildung zufrieden als in anderen Bereichen (77 Prozent). 

Ein Grund dafür dürfte unter anderem sein, dass deutlich mehr als die Hälfte regelmäßig Überstunden leisten muss. Ein Fünftel von ihnen erhält weder Freizeit noch Bezahlung als Ausgleich für diese Mehrarbeit, obwohl dies vorgeschrieben ist. 

Thiessen berichtet aus der Praxis. So habe er selbst in einer Berufsschulwoche (also nur nachmittags und am Wochenende) schon mal 83 Überstunden angehäuft. Sein Nachfolger in jenem Betrieb habe es im ersten Lehrjahr auf rund 1.200 Überstunden gebracht.

Ausbildungshefte würden auch mal geschönt 

„Dazu kommt der Druck und die psychische Belastung“, so Thiessen. „Immer steht einer hinter dir und fordert mehr Tempo.“ Wehren könnten sich die Azubis kaum. Geprüft werden von den Kammern allenfalls die Ausbildungshefte. Und die Angaben darin müssten schon mal auf Geheiß der Arbeitgeber geschönt werden. 

Auch an der Qualität mangele es in der Ausbildung. Die angehenden Köche werden dann zum Kartoffelschälen und zum Aufräumen abgestellt. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, sagt Thiessen. Düring sieht Nachbesserungsbedarf bei der Kontrolle der Unternehmen. „Bis ein Betrieb seine Ausbildungseignung verliert, gehen einige Jugendliche durch die Folterkammer“, so die DGB-Chefin. Sie sagt auch: „Die Betriebe brauchen Begleitung und Unterstützung.“

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