Gebäude an der Eisenbahnbrücke soll einem Studentenwohnheim weichen

„Concordia“ vor dem Abriss

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Für das ehemalige „Concordia“-Theaterhaus an der Eisenbahnbrücke in Schwachhausen liegt eine Abrissanzeige vor. Hier soll ein Studentenwohnheim mit rund 60 Appartements entstehen. - Foto: Bahlo

Bremen - Von Jörg Esser. Die Tage des markanten Gebäudes an der Eisenbahnbrücke sind gezählt. Das ehemalige „Concordia“-Theater soll einem Studentenwohnheim mit rund 60 Appartements weichen. „Eine Abrissanzeige liegt vor“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts. Derzeit wird das Gebäude entkernt.

Das Haus an der Ecke Schwachhauser Heerstraße/Herderstraße fristet seit einigen Jahren ein Schattendasein. Der Verfall ist sichtbar. 2015 schickte das Bremer Unternehmen „Plankontor“ – hinter dem Namen stehen Jost Paarmann und Jens Abramowsky, ein Architekt und ein Kaufmann – eine Bauvoranfrage ans Ressort. Und jetzt soll das Projekt ordentlich Fahrt aufnehmen.

Das „Concordia“ hat Geschichte erlebt und gelebt. Viel Kulturgeschichte zum Beispiel. Mit Hauptdarstellern wie Kurt Hübner, Peter Stoltzenberg, George Tabori, Rainer Werner Fassbinder, Horst Werner Franke und Klaus Pierwoß.

Zurück auf Start: Das Gebäude wird als Eisenbahnpavillon gebaut. Und schon ab 1851 finden hier Gartenkonzerte mit geistlicher Musik statt – sonntags, zur Frühschoppenzeit. 1880 entsteht im Haus eine Schankwirtschaft, heißt es unter anderem in Herbert Schwarzwälders „Bremen-Lexikon“. Und die wird auf den Namen „Concordia“ getauft (lateinisch für „Eintracht“). Jahre vergehen, Kriege vergehen, das „Concordia“ überlebt. Und wird nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahre zum Kino – mit angeschlossener Gaststätte. Die Lichtspielzeit bleibt eine kurze Episode, wieder steht das Haus einige Jahre leer.

Anfang der 70er Jahre entdeckt Kurt Hübner, der damalige Intendant der Bremer Theaters, die Immobilie. Das „Concordia“ wird zur Studiobühne der Bremer Theater und zur Hausbühne des Tanztheaters. Zu den bekannten Regisseuren, die ebendort arbeiten, zählt Rainer Werner Fassbinder. Hübner bleibt bis 1973 Intendant, es folgt Peter Stoltzenberg. Er kommt vom Theater der Stadt Heidelberg und engagiert unter anderem den ungarischen Regisseur und Theatermacher George Tabori. Ein gewagter Schritt. Taboris erste Inszenierung im Theater am Goetheplatz – „Die Troerinnen“ nach Euripides – löst im April 1976 einen Skandal aus. 200 Zuschauer verlassen in den ersten zehn Minuten den Theatersaal. Tabori darf weiter experimentieren – sein „Theaterlabor“ mit zehn Schauspielern zieht ins „Concordia“. Der Ungar praktiziert vier Stücke lang. Und sein „Hungerkünstler“ löst im Juni 1977 erneut Konflikte aus. In einem Selbstversuch sollen Taboris Darsteller 40 Tage unter ärztlicher Aufsicht fasten. SPD-Kultursenator Horst Werner Franke – der wahrlich nicht zu den Tabori-Fans zählt („die Seelenkotze will ich nicht“) – droht, die Schauspieler zwangsernähren und den Regisseur verhaften zu lassen. Der Senat kommt schließlich zu einer Sondersitzung zusammen und verbietet die Aktion. Stoltzenbergs Vertrag wird nicht verlängert, ihm folgt Arno Wüstenhöfer aus Wuppertal. Auch Tabori verlässt Bremen.

Das „Concordia“ bleibt noch bis 2007 Spielstätte des Theaters. Dann wird es aus finanziellen Gründen geschlossen. Und Intendant Klaus Pierwoß ist sauer. Er verfasst eine Todesanzeige, in der er das Unvermögen des Bremer Senats anprangert.

2012 zieht die Shakespeare-Company für eine Spielzeit nach Schwachhausen um, weil das Theater am Leibnizplatz renoviert wird. Bis Anfang 2016 wird in der „Piano-Bar“ im halbrunden Vorbau des Gebäudes noch Kaffee und Wein serviert.

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