Großbritannien steigt aus

Bremer Brite begrüßt Brexit

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Neil Holmes betreibt in der Bremer Neustadt den Laden „British Indian Currys“ und freut sich über das Brexit-Votum. Auch er hat für einen Ausstieg aus der EU gestimmt.

Bremen - Von Nina Seegers. Großbritannien ist raus, Europa ist entsetzt. Auch in Bremen reagieren viele mit Bestürzung, schließlich gehört Großbritannien zu den wichtigsten internationalen Handelspartnern des kleinsten deutschen Bundeslandes. Was also sagen Bremens Politiker, Wirtschaftsexperten und Bürger zum Brexit?

„Tschüß und halt die Stricke gut fest, damit die Insel nicht wegschwimmt!“ Mit diesen Worten verabschiedet sich gestern Morgen ein Kunde von Neil Holmes. Der 49-jährige Engländer verkauft in der Neustadt in einem kleinen Geschäft selbstgemachte Curry-Gewürzmischungen. An diesem Tag spricht jeder Kunde Holmes auf den Brexit an. „Das ist heute das große Thema!“, bestätigt der Geschäftsinhaber. Er selbst sei am Morgen, als er Nachrichten gehört habe, völlig überrascht gewesen. „Ich habe für den Ausstieg gestimmt, hätte aber nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich zum Brexit kommt“, erklärt er.

Überrascht sind gelinde ausgedrückt auch viele Bremer Politiker. „Mit Erschütterung und großem Bedauern habe ich das Abstimmungsergebnis der Briten zur Kenntnis genommen“, sagt Helga Trüpel, Europaabgeordnete der Grünen. Bis auf den AfD-Politiker Alexander Tassis – der spricht gestern in der Bürgerschaft von einem „wunderschönen Tag für Europa“ – bedauern sämtliche Politiker Bemens Großbritanniens Entscheidung.

Viele bedauern Großbritanniens Austritt

Das zeigt sich auch bei einer Umfrage auf der Straße. „Das ist schade, schon wieder macht Großbritannien sein eigenes Ding. Braucht man als EU-Mitglied bald wieder einen Reisepass, wenn man auf die Insel will?“ fragt Anika Steffens (24). Viele bedauern zwar Großbritanniens Austritt, zeigen aber auch Verständnis: „Auf der Gefühlsebene kann ich die Entscheidung der Briten verstehen, auf der rationalen Ebene nicht“, sagt Uwe Claussen (55). Und Rolf Gelis (80) sagt: „Unsere Kanzlerin spielt sich ja teilweise so auf, als gehöre ihr Europa. Das lassen sich die freiheitsliebenden Briten natürlich nicht gefallen. Ich hoffe nur, dass es jetzt keinen Domino-Effekt gibt!“

Aber zurück zum Curry-Dealer aus York. Dass Holmes für den Brexit gestimmt hat, ist insofern erstaunlich, da sich die Folgen auf ihn als britisch-bremischen Kleinunternehmer durchaus negativ auswirken könnten. Er zuckt mit den Schultern: „Ich habe bei meiner Entscheidung eben auf lange Sicht gedacht. Wäre Großbritannien in der EU geblieben, wäre es für den Staat immer teurer geworden.“ Holmes erhofft sich vom EU-Austritt also vor allem wirtschaftliche Stabilität. „Ich bin davon überzeugt, dass Great Britain sich schnell erholt, schließlich gibt es nicht nur in der EU starke Handelspartner.“ Auch für die Europäische Union könne der Brexit durchaus eine Chance sein, ergänzt Holmes. „Die EU hat meiner Meinung nach die Richtung verloren und hat sich zu einem riesigen bürokratischen Apparat entwickelt, vielleicht bewirkt der Brexit, dass sie das jetzt einsieht.“

Brexit als „Chance“

Auch Lencke Steiner (FDP) fordert, den Brexit als „Chance“ zu nutzen, „um Europa jetzt neu zu gestalten“. Sofia Leonidakis, europapolitische Sprecherin der Linken, bezeichnet das Brexit-Votum als „mahnenden Weckruf“ und fordert „eine 180-Grad-Wende“. Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) betont, Europa müsse enger zusammenrücken. „Die Menschen in der EU brauchen soziale und wirtschaftliche Stabilität.“ Dass sich der Brexit negativ auf Bremen auswirken könnte, fürchtet Sieling allerdings nicht: „An den guten Verbindungen zwischen Großbritannien und Bremen wird das Abstimmungsergebnis nichts ändern.“

Das sieht der Präses der Bremer Handelskammer, Harald Emigholz, anders: „Für die Wirtschaft im Land Bremen ist der Brexit eine schlechte Nachricht. Die Unternehmen müssen sich nun bei einem der wichtigsten Handelspartner auf erhebliche Veränderungen einstellen.“ Dieser Meinung ist auch die Bremer CDU-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann: „Sämtliche Wirtschaftsbeziehungen müssen jetzt neu verhandelt werden. Niemand kann heute vorhersagen, ob zum Beispiel Zölle den Handel mit Großbritannien in Zukunft erschweren und verteuern werden. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich das Handelsvolumen auf absehbare Zeit reduzieren könnte.“

Neil Holmes sieht es gelassen. „Ich hoffe natürlich, dass es keinen Zoll für kleinere Produkte gibt“, sagt er, denn ein großer Teil seiner Kundschaft kommt aus England und bestellt die Ware bei ihm über das Internet. Abwarten und Tee trinken – das Ausstiegsprozedere dauert ja erst mal ein Weilchen.

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