Serie „Verschwunden“: Das „Amerika-Haus“

Bremens „Brücke in die Vereinigten Staaten“

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Im Haus Contrescarpe 19 ist heute das Institut Français zu finden. Statt der Trikolore flatterten hier bis 1950 die amerikanischen „Stars and Stripes“ über dem Eingang im Wind.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Von Amerika wird – aus gegebenem Anlass – viel gesprochen in diesen Tagen. Auch in Bremen, das historisch gewachsene Beziehungen zu den Vereinigten Staaten hat. Auswanderung, Schifffahrt und Handel haben dazu beitragen – aber auch Einrichtungen wie das „Amerika-Haus“, das die USA in den Nachkriegsjahren im bremischen Alltags- und Kulturleben verankerte. Heute ist es Thema unserer Serie „Verschwunden“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Bremen (und Bremerhaven) amerikanisch geworden – als Versorgungshafen der US-Besatzungstruppen. Es galt, im Nachkriegsdeutschland eine Demokratie aufzubauen. „Die amerikanische Militärregierung war bestrebt, den Deutschen amerikanische Kultur und politische Grundsätze zu vermitteln“, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011). Stätten dieser Vermittlungsarbeit waren unter anderem die „Amerika-Häuser“ mit ihren Bibliotheken und Vortragsräumen.

Bremen bekam auch eins. 1947 wurde es eröffnet – zunächst in einer Art Notquartier, im Kupferstichkabinett und im Direktionszimmer der Kunsthalle nämlich. Zentral gelegen, aber nicht groß genug für die Ansprüche und den Publikumszuspruch.

So zog das „Amerika-Haus“ schon im Sommer 1948 um. Neues Domizil war das Haus Contrescarpe 19, wo es viel mehr Platz für die demokratische und kulturelle Aufbauarbeit gab – auch mit Blick auf die junge Generation, die im Geist der Freiheit aufwachsen sollte. Es wurde extra ein Kinderlesesaal eingerichtet. Für die Großen standen an der Contrescarpe 12 000 Bücher in der Bibliothek, die meisten von ihnen in englischer Sprache. Es gab internationale Magazine und Zeitungen. Sprach- und Literaturkurse bot das „Amerika-Haus“ ebenso an wie Vorträge und Diskussionen, die oft gut besucht waren. Auch Filmvorführungen und Konzerte waren im Programm.

Das „freie Wort und das freie Buch“ gehörten zur Demokratie, die ohne Verbreitung von Wissen nicht lebensfähig sei, sagte Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD, 1887 bis 1979). Das „Amerika-Haus“ war in den 50er Jahren sehr präsent im öffentlichen Leben der Stadt. Wöchentlich, manchmal täglich, stand etwas über die US-Institution in der Zeitung.

50er Jahre? Da war das „Amerika-Haus“, damals gern als „Bremens Brücke nach Amerika“ bezeichnet, schon wieder umgezogen – in jenen Teil der Glocke an der Domsheide, in dem heute das evangelische Info-Zentrum „Kapitel 8“ zu finden ist. An der Contrescarpe wurden „Stars and Stripes“ gegen die Trikolore getauscht – das Institut Français zog hier ein, es ist noch heute in diesem Haus.

Die Glocke war freigeworden, nachdem der US-Soldatenclub „Shangri-La“ dort auszeogen war. Im Oktober 1950 öffnete das „Amerika-Haus“ in seinen neuen Räumen – für Bürgermeister Kaisen ein „wertvoller Beitrag zur Festigung der deutsch-amerikanischen Beziehungen“. Das „Amerika-Haus“ werde dazu beitragen, „überlieferte falsche Ansichten“ über andere Teile der Welt zu „zerstreuen“, sagte Kaisen.

Mitte der 60er Jahre wehte ein anderer Wind. Wegen des Vietnam-Kriegs standen die USA – gerade bei der jungen Generation – in der Kritik. Demokratische Aufbauarbeit wie nach 1945 musste nicht mehr geleistet werden. Zudem wollten die Amerikaner selbst auch sparen.

1966 führten Kürzungen im Haushalt des US-Informationsdienstes zu Einschränkungen und Personalabbau auch in Bremen. Zuletzt blieb vom „Amerika-Haus“ allein die inzwischen nach John F. Kennedy benannte Bibliothek. Mitte der 70er Jahre wurde auch sie dann geschlossen.

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