Schaden von mehr als 800.000 Euro

Ehemalige Pflegedienst-Chefin gesteht mehr als 1.100 Betrugsfälle

Bremen - Von Steffen Koller. Sie galt viele Jahre als Vorzeige-Unternehmerin, erhielt Auszeichnungen und beschäftigte mehr als 200 Mitarbeiter. Seit Donnerstag muss sich die ehemalige Geschäftsführerin (37) der „Nordsee-Pflege“ wegen gewerbsmäßigen Betrugs vor dem Landgericht Bremen verantworten.

Laut Anklage soll sie in 1.146 Fällen Leistungen abgerechnet haben, die gar nicht oder nur teilweise erbracht wurden. Zum Prozessauftakt legte sie ein Geständnis ab. Sie habe bewusst gehandelt und „unter Vorspielen falscher Tatsachen“ als Geschäftsführerin zweier Pflegedienstgesellschaften mit Hauptsitz in Bremerhaven zwischen 2009 und 2016 besagte Leistungen bei Krankenkassen oder Sozialhilfeträgern abgerechnet, die nicht erbracht worden seien. Laut Anklage sei dabei ein Gesamtschaden von mehr als 800.000 Euro entstanden. 

So soll die Frau unter anderem Rechnungen eingereicht haben, die vorgaukelten, Versicherte wären in Tagespflegereinrichtungen betreut worden, wobei diese Betreuung nie zustande gekommen ist. In anderen Fällen habe sie mehr Pflegetage angegeben, als die Patienten tatsächlich in den jeweiligen Einrichtungen waren.

Zu Spitzenzeiten bis zu 700 Kunden versorgt

Die heute 37-Jährige, die im Jahr 2000 die „Nordsee-Pflege“ ins Leben rief und in den Folgejahren ihr Unternehmen zu einem der größten Pflegedienstleister Norddeutschlands aufbaute, versorgte zu Spitzenzeiten bis zu 700 Kunden. „Das war eine stürmische Entwicklung“, sagt sie. Mit der Zeit sei besonders der kaufmännische Aspekt aber aus dem Ruder gelaufen. „Ich hatte keinen Überblick mehr, am Tag gingen bis zu 5.000 Pflegenachweise über den Tisch.“ Trotz ihrer offensichtlichen Überforderung hielt sie an dieser Praxis fest. An einer Praxis, die die Unternehmerin für mehrere Jahre in Haft bringen könnte. 

Der Vorsitzende Richter Thorsten Prange machte deutlich, dass im Vorfeld der Verhandlung mehrere Verständigungsgespräche geführt wurden. Ergebnis: Sollte die 37-Jährige umfassend gestehen, die Vorgehensweise ihres betrügerischen Handels offenlegen und involvierte Personen nennen, sei die Kammer bereit, ein gewisses Strafmaß nicht zu überschreiten.

Frau erwartet Ende des Jahres erstes Kind

Konkret würde das für die gelernte Krankenschwester eine Haftstrafe von viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren bedeuten. Hinzukomme eine Geldstrafe zwischen 240.000 und 432.000 Euro sowie ein fünfjähriges Berufsverbot im Bereich Pflegeleistungen. Der Frau, die Ende des Jahres ihr erstes Kind erwartet, wurde außerdem in Aussicht gestellt, erst Ende Juni 2017 ins Gefängnis gehen zu müssen. Seit Anfang September sitzt die ehemalige Geschäftsführerin wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft, da sie trotz zweier laufender Anklagen aus dem Jahr 2015 und Mitte 2016 weiter betrügerisch gehandelt haben soll. Bereits Mitte 2014 kam es zur Hausdurchsuchung bei der 37-Jährigen.

Sie selbst sagt unter Tränen, dass sie „froh sei, endlich aus diesem Hamsterrad raus zu sein“. Sie trage die volle Verantwortung und stehe „absolut“ zu den Vorwürfen. „Ich bin hier, um klar Schiff zu machen.“ Ihre Mitarbeiter treffe keine Schuld, sie hätten nur auf Anweisung gehandelt. „Ich habe die Mitarbeiter ausgenutzt – im Sinne des Unternehmens. Das war ein hässliches Verhalten, aber das Unternehmen war mein Lebenswerk.“

Der Prozess soll am Mittwoch, 16. November, fortgesetzt werden.

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Rubriklistenbild: © Koller

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