300 Hobbyfotografen entdecken neue Facetten der Stadt

Boxenstopp im Bürgerpark

Der eigene Schuh als roter Faden für die eigene Bildgeschichte: Dafür nimmt Hobbyfotograf Markus Krischunas auch Verrenkungen in Kauf. - Foto: Heyne

Bremen - Von Ulla Heyne. Als am Sonnabend die Dichte der Stative zwischen Schlachthof, Weserstadion und Kunsthalle zunahm, Menschen hinter Objektiven in den unmöglichsten Verrenkungen auf dem Spielplatz des Universums gesichtet und viele Radfahrer mit einem suchenden Blick gesehen wurden, hatte das einen Grund: 300 Hobbyfotografen, die einen der begehrten Plätze ergattert hatten, trafen sich zum Fotomarathon: Neun Fotos in neun Stunden zu bestimmten Themen, und alles unter dem großen Motto „Läuft!“

Dass sich das Motto gut in die Kooperation mit der Kunsthalle und ihrer Liebermann-Ausstellung zum Thema Sport fügt, ist kein Zufall: Ebendort sollen die Fotos nach zwei Zwischenstopps und einem langen Tag eingelesen werden. Das Anfangsthema „Fliegender Start“, die Herausforderung: Die Startnummer muss mit auf dem Bild sein.

Während einige Papierflieger falten oder zum Flughafen fahren, fragt Udo Drees im Spielwarengeschäft. Die Verkäuferin sucht einen Playmo-Flieger aus dem Fundus heraus, hilfsbereit, wie alle, die er heute noch trifft. „Man kommt ganz anders ins Gespräch“, sagt der Scheeßeler. Mitten im Gespräch über die Umsetzung ist auch Familie Mühldorfer beim Zwischenstopp im Universum. Die Familie tritt in zwei Teams an. „Meist sind wir aber doch gemeinsam unterwegs“, sagt Vater Carsten Eger vom Team „Männer“. Das ist etwas dezimiert, seit Sohn Tim mit einem Platten aufgeben musste. Überhaupt sind die meisten heute mit dem Fahrrad unterwegs und legen so im Schnitt 20 bis 30 Kilometer zurück – denn eine feste Route zwischen den vier über den Tag verteilten Treffpunkten ist nicht vorgesehen. So machen die Teilnehmer auf dem Weg ganz unterschiedliche Entdeckungen vom Bootssteg im Bürgerpark, der sich, wie die zwölfjährige Lotta Mühldorfer findet, ideal als Motiv für das Moto „Boxenstopp“ eignet, bis zu den Boulespielern im Kletterpark, mit denen sich der „Große Wurf“ umsetzen lässt.

„Natürlich gibt es einige offensichtliche Ideen“, sagt Mitveranstalterin Annica Müllenberg, als beim Universum zum Thema „In der Luft hängen“ die Schaukeln des Spielplatzes umlagert sind, „alte Hasen denken jedoch um die Ecke.“

„Hier wird man geradezu gezwungen, kreativ zu werden, sagt Tom Kirk, der Partnerin Silke Kappenberg begleitet. Die versucht gerade, für das Thema „Balanceakt“ ein gelbes Badeentchen in ein fragiles Gleichgewicht zu zwingen. „Gib doch mal das Kaugummi“, sagt sie – einige hier sind gut vorbereitet, andere verzichten ganz auf Requisiten. „Zu inszeniert“, kontert Familie Mühldorfer, die dieses Jahr selbst auf die Kreide vom Vorjahr verzichtet hat.

Das verbindende Element, bei einem ein Werder-Zwerg, bei einem anderen ein Plüsch-Pokémon, ist bei Martin Bergann ein Longboard, mit dem er auch sämtliche Strecken zurücklegt. Er schwärmt vom Motiv der Halfpipe am Schlachthof, aber auch die Häuser am Reiterdenkmal (auf dem Ross sitzt bekanntlich der 99-Tage-Kaiser Friedrich III.) an der Hermann-Böse-Straße haben es ihm angetan: „Fast wie die ‚Painted Ladies‘ in San Fransisco“, beschreibt es der aus Thüringen Zugezogene. Rund zwei Drittel der Teilnehmer sind von hier, der Rest von „umzu“; sogar eine Anmeldung aus England liegt vor.

Alle Hobbyfotografen haben jedenfalls an diesem langen Tag die Hansestadt von einer neuen Seite entdeckt – so, wie es sich die Organisatoren erhofft haben. Auf die Frage nach einem Fazit grinst Annica Müllenberg und meint: „Läuft!“

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