„Bremen zur See“: Die wechselvolle Geschichte eines Kreuzfahrtschiffs

„Bohème“ statt „Prins Albert“

So präsentierte sich das Bremer Kreuzfahrtschiff „Bohème“ mit der Wallenius-Schornsteinmarke 1968 in einem Werbeprospekt für Karibikreisen. Das Schiff hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Seit 1986 gehört es der Scientology-Sekte, die die frühere „Bohème“ zur „Freewinds“ umbauen ließ. - Foto: Archiv Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven

Bremen - Von Harald Focke. VIP-Scientologe Tom Cruise feierte auf dem Sekten-Schiff „Freewinds“ seinen Geburtstag und gab Katie Holmes das Ja-Wort unter der Sonne der Karibik. Bei dem Schiff handelt es sich um das das frühere Bremer Kreuzfahrtschiff „Bohème“. Heute ist es Thema unserer Serie „Bremen zur See“.

Nicht zuletzt auf Drängen der Bremer Wirtschaft hatte die schwedische Reederei Lion Ferries 1966 bei der Wärtsilä Werft in Turku/Finnland einen Nachbau der Fähre „Prins Hamlet“ bestellt, die zwischen Bremerhaven und Harwich pendelte.

Sie sollte „Prins Albert“ heißen. Mit einer 25-Prozent-Beteiligung der Bremer Firma Karl Geuther gründete die Lion-Muttergesellschaft Wallenius eine Tochter in Bremen. Doch die Schweden hatten sich verschätzt, die Buchungen für die England-Fähre lagen unter den Erwartungen.

Ein zweites Schiff wurde nicht gebraucht, schon gar nicht im Winter. Kurz vor dem Stapellauf übernahm Wallenius in Stockholm die Order. Die Werft machte aus der Fähre ein ansehnliches Kreuzfahrtschiff.

Bereits im Februar 1968 lief es als „Bohème“ vom Stapel. Mitte November sollte es für die Commodore Cruise Line mit 460 Passagieren in Zweibettkabinen mit Dusche und WC und bis zu 20 Knoten von Miami aus jeweils eine Woche lang durch die Karibik kreuzen – bereedert von Wallenius in Bremen.

Geuther arbeitete die Routen und Programme aus. Zielhäfen waren Freeport auf den Bahamas, San Juan in Puerto Rico, St. Thomas auf den Virgin Islands und Haiti. Dort würde die mit knapp 10 000 Bruttoregistertonnen und gut 130 Metern Länge eher kleine „Bohème“ auf starke Konkurrenz treffen und mit dem ungünstigen Wechselkurs zwischen Dollar und DM zu kämpfen haben.

Bereits auf der Fahrt von der Werft durch die Ostsee nach Bremerhaven lief die „Bohème“ am 14. November bei Stockholm abends auf ein Felsenriff und saß mit leichter Schlagseite fest.

Es gab zum Glück keinen Wassereinbruch. Mehrere Abschleppversuche scheiterten, die etwa 100 Gäste aber mussten von Bord. Erst nach vier Tagen war das geleichterte Schiff wieder frei. Eine Stockholmer Werft brauchte mehr als zwei Wochen für die Reparatur.

Die ausgebuchte Jungfernreise von Bremerhaven nach Miami wurde abgesagt, auch die ersten stark nachgefragten Kreuzfahrten mussten ausfallen. Drei Tage vor Weihnachten konnte die „Bohème“ endlich ihre erste Karibikreise antreten.

Anders als ursprünglich geplant kam sie erst 1969 wieder zurück nach Deutschland. Bei Blohm + Voss in Hamburg wurde sie umgebaut und vergrößert.

Bis 1981 blieb die „Bohème“ ein Bremer Schiff unter deutscher Flagge in der Karibik, dann wurde sie nach Panama verkauft. Seit 1986 gehört sie der Scientology-Sekte, die die frühere „Bohème“ als Befehlszentrale und Schulungsschiff „Freewinds“ aufwendig umbauen und luxuriös ausstatten ließ.

Auf dem Achterdeck des „religiösen Refugiums“ wurde eine „Sky Lounge“ eingerichtet, auf dem Promenadendeck tafeln die Scientologen im eleganten Fünf-Sterne-Restaurant „Horizon“. Gleich nebenan führt die berüchtigte Sekte ihre Befragungen mit dem Lügendetektor durch. An die Bremer „Bohème“ erinnert auf der „Freewinds“ außer dem charakteristischen Doppelschornstein kaum noch etwas.

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