Ausbildung:

Familiäres Kleinunternehmen oder All-inclusive-Großbetrieb?

+
Für eine ganze Menge Schulabgänger geht es dieser Tage los in die Ausbildung. Doch egal wo der Vertrag unterzeichnet wurde, sowohl kleinste Firmen als auch Großunternehmen haben Vor- und Nachteile.

Nur noch wenige Tage, dann beginnt für hunderttausende Jugendliche der „Ernst des Lebens“. Zeit, einmal den Vergleich zu ziehen zwischen dem gemütlichen Laden an der Ecke und dem leistungsstarken Großbetrieb.

Wer am 1. August oder September seine Ausbildung beginnt, der hat seine Entscheidung schon getroffen. Für alle, die aber noch keinen Ausbildungsplatz haben oder die nun wegen ihres Schulabschlusses im kommenden Jahr anfangen müssen, sich über die Ausbildung Gedanken zu machen, steht neben dem Beruf an sich eine weitere wichtige Frage im Raum: Die nach dem Betrieb. Kleine Firmen mit wenigen Mitarbeitern haben in Deutschland nach wie vor die Überhand – ganz besonders in klassischen Handwerksberufen. Hier geht es noch familiär zu, dafür müssen Azubis aber oft auch mal Arbeiten verrichten, die nicht viel mit den Ausbildungsinhalten zu tun haben. Umgekehrt sind richtig große Unternehmen zwar außerhalb der Abteilung recht anonym, bieten dafür aber eine Ausbildung am Puls der Zeit, die einen bestmöglich auf das Berufsleben vorbereiten. Doch welcher Betrieb ist besser geeignet? Der folgende Artikel versucht, es zu beantworten.

1. Kleinbetrieb

Es ist der Mittelstand, der unser Land am Laufen hält: Kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 50 bzw. 500 Mitarbeitern machen in der BRD rund 99,6 Prozent oder 988000 aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen aus und beschäftigen fast 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Angestellten. Meist sind es Familienbetriebe. Das gilt für das Elektrounternehmen in den Bremer Außenbezirken ebenso wie den Optiker irgendwo auf dem Land im Heidekreis, der schon seit vor dem Ersten Weltkrieg besteht. Und natürlich gehören dazu auch die allermeisten Autohäuser und kleineren Speditionen. Kurzum: Die Firmen, denen für die Weihnachtsfeier noch das Hinterzimmer eines Restaurants ausreicht, sind nicht nur in unserer Region in der absoluten Überzahl. Und sie können viele Vorteile für Auszubildende bieten.

Vorteile: Je kleiner das Unternehmen, desto eher sind Auszubildende Teil eines großen Ganzen. Und das ist zunächst ein großer Vorteil: Es werden direkt Fähigkeiten geschult und erlernt, die dem Beruf dienlich sind. Langweilige Einarbeitungszeiten gibt es in wirklich kleinen Unternehmen selten. Dazu sind die wenigen Azubis als Arbeitskraft viel zu kostbar.

In Kleinbetrieben geht es meist ab Tag eins richtig zur Sache. Das ist für viele zwar ein kleiner Schock, führt aber dazu, dass man sofort das harte Arbeitsleben kennenlernt und sich nicht lange umgewöhnen muss.

Obendrein sind die Hierarchien meist sehr flach: Chef, Meister und Ausbilder sind oft genug ein und dieselbe Person. Die ganzen Unternehmen sind meist recht familiär aber eben auch traditionell: Hier lässt sich vom Altgesellen noch Wissen erlernen, das in keinem HWK-Lehrgang mehr vermittelt wird. Kein Wunder, dass von fünf beliebtesten männlichen Ausbildungsberufen vier in der Kleinbetriebs-Sparte zu finden sind. Aber diese Vorteile müssen durch eine Reihe von Abstrichen erkauft werden.

Nachteile: Wer in der Werkstatt am Rande von Oldenburg arbeitet, der kommt mit dem neuesten vom Neuen höchstens in der Berufsschule in Kontakt. Hier wird noch nach alter Väter Sitte gearbeitet und die hinkt dem Stand der Technik oftmals etwas hinterher. Ist ja auch verständlich: Kleinunternehmen haben sehr viel weniger finanziellen Spielraum. Neue Computersysteme und andere Dinge sind da meist schlicht und einfach „nicht drin“. 

Zudem: Weil es keinen echten Ausbilder gibt, der sich den ganzen Tag nur mit den Azubis beschäftigt, muss viel Berufswissen selbst angeeignet werden, um nicht in der Schule durchzuhängen. Und dass der Auszubildende eines kleinen Installationsunternehmens bei wenig Arbeit auch mal den Parkplatz vom Unkraut befreien oder der Bürokaufmann als Kaffee-Fee fungieren muss, ist ebenso Usus. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn die Hütte brennt, dann sind Überstunden auch für die Azubis oft an der Tagesordnung. Und darüber hinaus: Die meisten Kleinbetriebe bezahlen nur das, was der Tarifvertrag vorsieht.

2. Großbetrieb

Großes Firmengebäude, große Mitarbeiterzahl, großes Budget und auch große Technik. Die richtigen Großbetriebe in Deutschland mit tausenden Mitarbeitern sind zwar rar gesät, warten dafür aber mit einigen Extras auf, die sich nur Firmen leisten können, die jährlich mit mehreren Millionen Euros jonglieren.

Vorteile: Großbetriebe stellen zum Beginn des Lehrjahres keinen einzelnen Auszubildenden ein, sondern meist ganze Heerscharen, weil die meisten dieser Firmen über verschiedenste Sparten und Ausbildungsberufe verfügen, die sie anbieten können. Und je mehr Auszubildende, desto besser und professioneller der Umgang mit ihnen. Umfangreiche Einarbeitungszeit mit persönlicher Betreuung auch der eigenen Belange? Kein Problem. Supermarkt-Gigant Rewe bietet seinen Auszubildenden gar Teilzeitarbeit oder Unterbrechungen an, wenn diese während dieser Zeit Eltern werden. Und wer mit den neusten Werkzeugen, den flottesten Rechnern und state-of-the-Art-Methoden, wie etwa bei Mercedes in Bremen arbeiten will, hat auch nur eine Wahl.

Viele Industriebetriebe haben eigene Lehrwerkstätten in denen die Azubis die ersten Monate erst einmal geschult werden. Das macht den Einstieg einfacher, aber wer sofort loslegen will, langweilt sich dort oft.

Kommt noch hinzu: Großbetriebe haben nicht nur genug Geld für modernste Ausrüstung, sondern meist auch, um ihre Azubis deutlich besser zu bezahlen. Wer hier arbeitet, bekommt mit etwas Glück schon im ersten Jahr so viel, wie seine Kleinbetriebs-Berufsschulkollegen im dritten Lehrjahr. Außerdem werden hier meist sämtliche Arbeitszeitenregelungen für Auszubildende rigoros eingehalten: Wenn Überstunden anfallen, dann nicht für die Azubis. Doch auch hier gilt: Wo Licht ist, da ist meist auch eine gehörige Menge Schatten.

Nachteile: Und dieser Schatten fängt schon beim Druck an. Großbetriebe haben die meisten Plätze zu vergeben, bekommen die meisten Bewerbungen. Und sie sieben gnadenlos aus. Sie können es sich leisten, nur die besten Auszubildenden zu beschäftigen. Das bedeutet: Man wird sofort in einen „Raubtierkäfig“ gesteckt: Je nach Unternehmen können selbst kleine Fehler während der Probezeit, die man anderswo großzügig übersehen würde, zur sofortigen Kündigung führen. Außerdem: Auch in den oberen Jahrgängen gibt es Auszubildende. Und die etablieren nicht selten eine ausgesprochene „Hackordnung“ die einem das Leben zusätzlich schwer machen kann. 

Zudem gilt natürlich: Wo in einem Betrieb mehrere tausend Leute jeden Tag ihrem Beruf nachgehen, ist Heimeligkeit kaum vorhanden: Auszubildende werden der optimalen Schulung wegen oft im Monatstakt durch die Abteilungen gereicht. Da fällt es sehr schwer, tiefere Kollegenbindungen aufzubauen. Diese Anonymität ist es auch, die zielgerichtete Ausbildungen erschwert: Man zieht entweder mit oder den Kürzeren – für Einzelbetreuungen fehlt schlicht die Zeit. Und wo Kleinbetriebe es oft ermöglichen, auch mal spontan eine Woche Urlaub einzureichen, verlangen viele Großbetriebe einen vorgeplanten Urlaub fürs ganze Jahr – meist bis Ende März.

Fazit

Kleinunternehmen vs. Großbetrieb: Hier einen eindeutigen Sieger zu küren, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem, weil jeder Auszubildende ein unterschiedlicher Mensch mit unterschiedlichen Schwerpunkten ist. Daher kann es nur Näherungswerte geben, ganz wie in manchen Disziplinen der Mathematik:

  • Wer im Leben immer nur an die Spitze will, nur mit dem neuesten Equipment arbeiten will, für den führt kein Weg am Großunternehmen vorbei. Aber: Das benötigt auch Ellbogeneinsatz.
  • Wer hingegen an mehr als bloßem Leistungsdenken interessiert ist, seine Kollegen auch als Freunde sieht und schon als Lehrling richtig mitarbeiten will, sollte seine Bewerbungen eher dem Mittelstand anvertrauen. Allerdings: Dass dann Arbeitsaufkommen und Auszubildendenvergütung oft auseinanderklaffen, muss klar sein.

Dabei soll noch unterstrichen sein: Nur weil ein Unternehmen klein ist, muss es nicht zwangsläufig rückständig sein. Viele Startups beispielsweise gehören eindeutig in die Kategorie der Kleinbetriebe – und sind gleichzeitig moderner und innovativer als jedes Großunternehmen.

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Klaus Allofs' Erfolge

Klaus Allofs' Erfolge

Meistgelesene Artikel

Macht Ihr Job Sie krank?

Macht Ihr Job Sie krank?

Rechtsreferenten sind die bestbezahlten Spezialisten

Rechtsreferenten sind die bestbezahlten Spezialisten

So gelingt Frauen der Wiedereinstieg nach der Babypause

So gelingt Frauen der Wiedereinstieg nach der Babypause

Die fünf Bundesländer mit den meisten Selbstständigen

Die fünf Bundesländer mit den meisten Selbstständigen

Kommentare