„Jag ihn, schlag ihn, töte ihn“

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Elijah Escobar

Hamburg – Er beantwortet die Fragen aus dem Publikum mit Humor, hat ein strahlendes Lächeln aufgesetzt, zeigt die blendend weißen Zähne und müsste sich wohl ducken, wären die Mädchenherzen, die ihm in diesem Moment zufliegen, wörtlich gemeint.

Eben war Elijah Escobar, 24, noch ein Schauspieler, der im Theaterstück „Tariqs Auftrag“ die tragische Rolle eines Jungen übernimmt, der aus Afghanistan fliehen will, sich unter einen Lastwagen bindet und dabei ums Leben kommt. Jetzt wirkt er wie ein Sunnyboy, wie einer, der Leid nur aus dem Fernsehen kennt. Elijah hat Leid aber am eigenen Leib erfahren – und wird sein Leben lang mit den Erinnerungen kämpfen.

„Den Geruch von verbrannten Menschen, den vergisst man nie“, wird er später im Gespräch sagen. Und von seinen Alpträumen erzählen, aus denen er schreiend erwacht. Um sich rum aber hat er eine Wand aus Fröhlichkeit und Leichtigkeit gemauert. „Lachen ist eine Art Therapie für mich“, sagt Elijah. „Damit kann man sich eine Fassade aufbauen.“

Elijah ist in Kabul aufgewachsen. Sein Heimatland Afghanistan ist geprägt von Konflikten. Immer wieder gab es Kriege. 1979 besetzte die Sowjetunion Afghanistan. Gegen die Besatzung kämpften Mudschaheddin- Gruppierungen, die schließlich siegten. Die Interessen der verschiedenen Gruppen im Land führten zu einem Bürgerkrieg. Den Taliban gelang es dann Mitte der 90er, die Macht an sich zu reißen. Entspannter wurde die Situation nicht.

In diesem schwierigen Umfeld ist Elijah aufgewachsen. „Im Krieg kann man keine Kindheit haben“, sagt er. „Als Kind denkst Du, es ist normal, wenn Dein bester Freund auf eine Mine tritt und vor Deinen Augen in die Luft gesprengt wird. Du denkst, es ist normal, wenn Leute in die Schulen kommen und alles kaputt hauen.“

Seine Eltern wussten, dass es andere Orte auf der Welt gibt, die friedlicher sind. „In Afghanistan hatten sie alles verloren. Sie waren recht wohlhabend, schon zu Russenzeiten wurden sie enteignet“, erzählt Elijah. „Im Krieg verloren sie dann das Letzte, was sie hatten. Raketen haben keine Augen, sie sehen nicht, was sie treffen.“

Mitte der 90er Jahre beschloss die Familie, zu fliehen. Elijah war zehn oder elf Jahre alt, so genau weiß er es nicht mehr, als es zu Fuß über die Berge nach Pakistan ging. Die Flucht sollte vier Jahre dauern.

„Wir haben uns Schlepper gesucht“, erzählt Elijah und erinnert sich: „Die sind noch skrupelloser als die Menschen, vor denen wir geflohen sind. Deren einzige Moral ist der Dollar. Es passierten tausend Dinge – Organhandel, Vergewaltigungen...“ Elijah stockt im Sprechen, wirkt kurz sehr nachdenklich, fast verschlossen. Dann erinnert er sich an seine Fassade. „Außerdem kannten wir die Route nicht. Es gab damals ja noch kein GPS.“ Er grinst. Die Fassade bröckelte nur kurz.

Von Pakistan aus wollten Elijah, seine drei Schwestern, seine Eltern und andere Flüchtlinge mit der Hilfe von Schleppern über Russland nach Europa kommen. Meist kämpfte sich die Gruppe zu Fuß durch die einsame Landschaft, bei Schnee und Eiseskälte. „Von den ursprünglich 35 Menschen haben acht auf der Flucht ihr Leben gelassen. Vor allem Ältere und Babys. Sie sind erfroren und auf dem Weg liegengeblieben. Keiner hat sie begraben.“

Im dritten Jahr der Reise kam die Gruppe in Moskau an, der Zehn- Millionen-Einwohner-Stadt im Westen Russlands. „Dort trennten die Schlepper mich und meine Familie. Wir durften nur in Fünfergruppen zusammen sein, sagten sie. Meine drei Schwestern und meine Eltern sollten zusammenbleiben. Ich dachte, es wäre eine Trennung für zwei oder drei Stunden. Sie dauerte aber etwa sieben Monate.“

Mehr als ein halbes Jahr schlug sich der Teenager, gerade 13, 14 Jahre alt, in der Millionenmetropole durch. Kontakt hatte er zu anderen Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilten. „Da waren Siebenjährige dabei“, erinnert sich Elijah. „Die meisten werden es wohl nicht überlebt haben.“ Denn gefährlich war das Leben auf Moskaus Straßen nicht nur wegen der Kälte und wegen des Hungers. „In Russland ist die Skinhead-Szene extrem. Es gibt ein Spiel: Töte den mit den schwarzen Haaren, jag ihn, schlag ihn. Die Hooligans spielen das bis zum blutigen Ende.“

Dann ein Hoffnungsschimmer: Elijah traf einen entfernten Verwandten, der seinen Onkel in Deutschland kannte, bei dem auch seine Eltern und Schwestern schon angekommen waren. „Für Afghanen ist Deutschland das Paradies. Wir dachten, hier hat sich jeder lieb“, beschreibt Elijah seine romantischen Vorstellungen von dem Land, das seine neue Heimat werden sollte. Aber seine Hoffnungen wurden schnell zerstört. Denn eins hat Elijah mittlerweile gelernt: „Das Glück ist wie ein schlechtes Mädchen, das heute bei mir ist und morgen bei Dir. Ich kam nach Leipzig und traf Leute, die zwei Köpfe größer waren als ich, eine Glatze hatten und mich geschlagen haben. Irgendwann hab ich mitgekriegt, dass es wieder an meinen schwarzen Haaren lag...“

Auch in der Schule war es für Elijah nicht einfach. Er konnte kein Wort Deutsch, seine Mitschüler mobbten ihn. Und der Junge merkte: „Gewalt ist eine universelle Sprache, die spricht jeder. Ich fing an, Ohrfeigen zu verteilen und dachte, ich hätte Moses Offenbarung entdeckt.“ Plötzlich hörten die anderen auf, ihn zu ärgern. Sie zeigten Respekt, vielleicht hatten sie auch einfach nur Angst vor Elijah. Irgendwann aber merkte er: „Es kann nicht sein, dass ich vom Opfer zum Täter werde.“ Was folgte, klingt wie ein Musterbeispiel der Integration: Von der Haupt- auf die Realschule, dann aufs Wirtschaftsgymnasium. Mittlerweile studiert Elijah Wirtschaft und Psychologie in Hamburg. „Ich habe versucht, immer doppelt so gut zu sein wie mein blonder Nachbar. Und trotzdem habe ich oft eine Note schlechter bekommen“, ärgert er sich noch heute.

Seit elf Jahren lebt Elijah nun in Deutschland, er hat sein Leben im Griff. Er studiert, spielt Theater, rappt für seinen YouTube-Kanal (www.youtube.com/escobaTV). Ganz glücklich ist er aber nicht. Auf der einen Seite wegen der Menschen, die ihm in Deutschland mit Misstrauen begegnen: „Es gibt eine Islamphobie“, meint der 24-Jährige, der den Koran gelesen hat, genauso auch die Bibel und die Thora. „Die Menschen haben das Gefühl, dass bei Moslems unter der Weste kein Herz schlägt, sondern eine Bombe.“

Auf der anderen Seite gibt es die Erinnerungen. „Bis vor Kurzem war das sehr extrem. Da bin ich nachts schreiend aufgewacht, weil ich im Dunkeln verbrannte Menschen gesehen und gerochen habe. Ich habe wieder gesehen, wie Mütter die zerfetzten Leiber ihrer Kinder an sich drücken, wie Leute am Galgen hängen. Diese Bilder, Gerüche und Szenen bekommt man nicht mehr aus dem Kopf. Man kann nur lernen, damit zu leben.“

Genau wie mit der Angst, irgendwann abgeschoben zu werden – das kann trotz der Aufenthaltsgenehmigung, die Elijah hat, passieren. „Aber: Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Das Einzige, was es hier an Rohstoff gibt, ist Bildung – und ich bin bald Akademiker. Das ist der Strohhalm, der mir Hoffnung gibt.“

In einem ist sich Elijah aber sicher: „Kabul, ich komme wieder...“, sagt er, frei nach dem Buchtitel von Boris Barschow, der mittlerweile ein Freund von ihm ist. „Das ist ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe. Ich komme wieder, aber nicht mit leeren Händen. Ich sehe das Land als Mutter der Afghanen, die verwundet ist, der es schlecht geht. Ich suche jetzt eine Salbe und komme zurück, um sie zu versorgen.“ Das will er durch sein Studium leisten, er will den Menschen in Afghanistan psychologische Unterstützung geben. Er weiß, welches Leid in dem Land herrscht, in dem seit mittlerweile zehn Jahren Krieg geführt wird gegen die Taliban – von westlichen Truppen, auch von Deutschland.

Und weil er um dieses Leid weiß, ist er so froh, dass er auf das Schicksal der Afghanen aufmerksam machen kann. Zum Beispiel durch Theaterstücke wie „Tariqs Auftrag“ – zurzeit auf Tour durch mehrere Städte in Norddeutschland – vom „Boat People Projekt“ (www.boat-people-projekt.de), bei dem Einzelschicksale wie das von Elijah dargestellt werden.

„Ich komme aus einem Land, in dem Deine Meinung Dich den Kopf kosten kann und lebe jetzt in einem Land, wo ich nach der Aufführung von ,Tariqs Auftrag’ politische Diskussionen mit den Zuschauern führen kann“, dafür ist Elijah dankbar. Als er gefragt wurde, ob er die Rolle von Tariq übernehmen wolle, habe er zuerst an einen Witz gedacht – „ich auf der Bühne und Theater spielen?“ – aber als er die Details hörte, war er sofort dabei. Weil man sieht, dass Elijah auf der Bühne tatsächlich seine eigenen Qualen noch mal durchlebt, gewinnt das sowieso schon sehr nahegehende Stück noch viel dazu.

Elijah Escobar hat den Krieg überlebt. Und die Flucht. Er ist angekommen in dem Land, von dem es in Afghanistan heißt, es sei das Paradies. Seine Wurzeln und die Erlebnisse wird Elijah trotzdem nie vergessen. „Mein Vaterland ist Afghanistan“, sagt er. „Und meine Heimat ist Deutschland.“ Er versuche, von beiden Ländern und Kulturen das Beste in einen Topf zu packen.

„Ich bin integriert“, findet Elijah. „Aber nicht assimiliert.“ In seiner Brust schlagen zwei Herzen, das merkt man. Besonders deutlich an seinen Zukunftsplänen: „Ich will nach Afghanistan gehen und meinen Beitrag zum Frieden leisten. Alt werden und sterben will ich in Deutschland – und begraben werden in Afghanistan.“

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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