Pionierin der Medienkunst: Lynn Hershman Leeson in der Kunsthalle Bremen

Der Voyeur im Spiegel

Pionierin der Medienkunst: Lynn Hershman Leeson in der Kunsthalle Bremen

Bremen - Von Rainer Beßling - Man muss schon genau hinschauen, welche Gesichtshälfte der Collage Audrey Hepburn und welche David Bowie beisteuert. Auch in der Überblendung Gena Rowlands und Humphrey Bogart fügen sich die Porträts zu erstaunlichem Gleichklang.

Lynn Hershman Leeson zeigt in ihren „Hero-Sandwiches“, wie ähnlich männliche und weibliche Ikonen sein können. Eine Verschmelzung von Monroe und Freud zeigt, was der Mann im Blick hat, worum seine Gedanken kreisen und wer die Welt visuell okkupiert. Die Fotos aus den 80er Jahren führen in das Hauptthema der Amerikanerin ein: die Abhängigkeit der Wahrnehmung, der optischen Angebote und nicht zuletzt der künstlerischen Arbeit vom Geschlecht.

Es hat lange gedauert, bis Lynn Hershmans Arbeit Beachtung fand. 1972 gehörte sie zu den ersten drei Künstlerinnen, die zu Einzelausstellungen in das University Art Museum in Berkeley eingeladen wurde. Der Nachbau eines Hotelzimmers plus interaktiver Plastiken mit Sound erschien den Verantwortlichen jedoch nicht passend. So platzierte Hershman zwei Frauen simulierende Wachsköpfe und Attribute, die Spuren zu Identität und Geschichte der beiden legten, direkt in ein Hotelzimmer. Die Installation hielt neun Monate, bis die Polizei, dem Hinweis eines Hotelbesuchers folgend, den Raum zum Tatort machte und die Installation in die Asservatenkammer brachte.

Mit ihrer Arbeit im Dante Hotel in San Francisco schuf Hershman eine der ersten ortsbezogenen Installationen. Auch in Performance und interaktiver Medienkunst leistete sie Pionierarbeit. Kürzlich erhielt sie den 4. DAM Digital Art Award 2010/11, den Preis des Digital Art Museum Berlin. Die Begleitschau „Seducing Time“ ist in der Kunsthalle Bremen zu sehen.

Die von Katja Riemer klar und unterhaltsam inszenierte Ausstellung gliedert sich in eine Phase vor der Computertechnik und eine nach der digitalen Revolution. Ein Selbstporträt mit Smartphone verweist eher spielerisch auf die Vertrautheit der 1941 geborenen Künstlerin mit aktuellen Medien. Die Präsentation insgesamt zeigt, wie früh, originell und komplex Lynn Hershman jeweils auf neueste technologische Möglichkeiten reagierte.

Noch in ihrer analogen Epoche schuf sie die fiktive Figur „Roberta Breitmore“, eine dem Zeitgeist gemäße Person, für die sie detailliert Persönlichkeit und äußere Merkmale samt Körpersprache entwarf. Als Roberta nahm Hershman mit den Weight-Watchers ab, ging zum Psychiater und erlebte die Wirkung einer Blondine. Fotos, Texte und Filme dokumentieren die 1978 beendete Versuchsanordnung. Lange blieb es unbeachtet, seit vier Jahren tourt das Material weltweit durch Museen und erweist sich als höchst aktuell in der Identitätsdebatte.

Freiheit für Lorna

Die Laserdisc machte es möglich: 1984 stellte Lynn Hershman ihre erste interaktive Arbeit aus. Der Betrachter sitzt vor einem Bildschirm und kann mit einer Fernbedienung Handlung und Weg der Protagonistin „Lorna“ beeinflussen. Ziel des TV-Spiels vor der Zeit der Video-Games ist, die seit unzähligen Tagen in ihrer Wohnung durch Fernsehkonsum Gefesselte zu befreien. In ihrer zweiten interaktiven Arbeit kann Hershman bereits einen Touchscreen nutzen. Ein plakativ inszenierter Frauenkörper fordert zur Berührung auf. Abhängig vom ausgewählten Körperteil entwickelt sich ein Handlungsstrang. „Deep Contact“ spiegelt dem Gegenüber seinen voyeuristischen Blick und seine Eingriffe in das Geschehen wider. Die „Nutzung“ verschafft Unbehagen. Auch drei Arbeiten, die in der Sammlung der Kunsthalle verstreut mit Frauenakten korrespondieren, machen die besitzergreifende männliche Augenlust und die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers zum Thema.

An den Touchscreen schließt sich die netzbasierte und sprachgesteuerte Interaktion an. Die Klonpuppe „Cyberoberta“ trägt eine Webcam, die von der Website der Künstlerin aus gesteuert werden kann und den Zuschauer in den Blick nimmt. Schließlich bekommt die fiktive Figur aus der Performance-Epoche Hershmans ihren Auftritt in „Second Life“. Im Vergleich könnte es vielleicht doch aufregender und erfahrungssatter gewesen sein, mit fremder Identität durch eine greifbare „Wirklichkeit“ zu spazieren als Avatare zu steuern.

Kunsthalle Bremen, bis 19. August. Di 10-21 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr. Eintritt: 6 Euro.  Katalog, 96 Seiten,19 Euro

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