Kulturelles Glücksversprechen

Sogwirkung eines Sehnsuchtsortes

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Die Gastronomen und Clubbesitzer fegten nachts einige die Straßen rund um den Sielwall.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Der Punk umarmt den Anzugträger, die Stadtamtsleiterin steht zwischen den Kulturschaffenden, Kinder hören mit ihren Eltern Flowin Immo in der Lila Eule beim Rappen zu. 10.000 Besucher zieht die soziale und kulturelle Vielfalt an.

Sie alle sind erfasst von der Sogwirkung des Bremer Viertels. Die „Das Viertel lebt!“-Nacht holt sie in die Bars, Clubs und Kneipen, wo sie bedient werden - von Bands und Künstlern, die umsonst unterhalten.

Die Menschenmassen treffen am Sielwall-Eck aufeinander, sie laufen, leben, lachen. Mitten auf der Kreuzung bildet sich eine Sitzgruppe. Autoverkehr und Betrieb der Straßenbahn müssen eingestellt werden. Die Leute zelebrieren ihre Ausgelassenheit. Als in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ der ideale Duft das erste Mal von Jean-Baptiste Grenouille versprüht wird, entsteht eine Massenhypnose, Menschen geben sich im emotionalen Rausch dem vollkommenen Moment hin. Im Epilog des Buches verschlingt eine eben noch zerstrittene Gruppe in einträchtiger Liebe den Hersteller des Parfüms. Im Bremer Viertel geht es an diesem Freitagabend nicht um ein olfaktorisches Bedürfnis, hier steht die Sehnsucht und Lust auf Ausgelassenheit, Kultur und Party im Mittelpunkt. Dabei drohen die Grundgedanken, der Erhalt der kulturellen Vielfalt, das Ermöglichen von Auftrittsmöglichkeiten für Musiker, die Diskussion um den Wert von Kultur und das Miteinander in einem Quartier, aufgefressen zu werden.

Es ist der anziehende „Duft“ von 34 Gastronomie und Kultureinrichtungen, von 47 Konzerten von Bands und Musiker, die in Kneipen, Restaurants und Kulturstätten im Ostertor und Steintor auftreten. Die Besucher sind friedlicher als je zuvor. Die fünfköpfige Soul-Gruppe Rhonda zwängt sich ins Litfass, die jungen Musiker von The Eternal Spirit schwingen im Kafe Lagerhaus die Gitarren, Velvetone ziehen in der Schauburg eine Rockabilly-Show ab und die Mad Monks passen eigentlich gar nicht in den begrenzten Raum der Cocktailbar Chinchilla. Musik an allen nur möglichen Orten, versehen mit einem Anarchie-Charakter - vorher wurde nicht bekannt gegeben, welcher Künstler kostenlos und ohne Gage an welchem Ort auftritt. Für die Wucht dieses Abends versuchen die Organisatoren Worte und Erklärungen zu finden. „Die Leute haben die Brisanz des Themas und die riesige Solidarität unter 34 Mitbewerbern erkannt“, erklärt Norbert Schütz, Vorsitzender des Vereins Clubverstärker, am Montag.

#bremenlebt und das Viertel bebt - Teil drei

Zusammenhalt, der auch in der Nacht funktionierte. Um den schwelenden Konflikt mit Anwohnern und Behörden nicht eskalieren zu lassen, starten die Club- und Barbesitzer eine Aufräumaktion: Sie fegen den angefallenen Müll, die leeren Flaschen von der Straße. Gut zwei Stunden lang sorgen die Organisatoren am Eck für Ordnung. Sven Regener bezeichnet den Bremer Stadtteil in seinem Grußwort als „Amüsierviertel“ und spricht von „Sehnsuchtsort und Glücksversprechen“. Alles, was Jugend-, Studenten- und Gegenkultur, was Rock'n'Roll war und ist, habe dort stattgefunden. Als Künstler habe er davon profitiert. Sönke Busch, Sprecher der Initiative Kulturschutzgebiet, sagt in seiner Rede, dass das Viertel nicht die Avantgarde darstelle. Es sei aber unglaublich, zu sehen, was mit den Menschen dieser Stadt und dieses Viertels geschieht. Busch: „Es wird wieder debattiert. Im ganz Großen und im ganz Kleinen. Das ist die eigentliche Wichtigkeit dessen, was angestoßen wurde, zu dem wir unseren kleinen Teil beitragen konnten.“ Die dazugehörigen Podiumsdiskussionen sind die Debattierclubs von Damals.

#bremenlebt und das Viertel bebt

#bremenlebt und das Viertel bebt - Teil zwei

Doch haben die zehntausend Teilnehmer die Debatte um den Kulturbegriff mitbekommen? Lässt sich all das von Verwertungslogiken und der Ökonomisierung trennen? Das Feld der angestoßenen Diskussionen ist groß und weit. Das Trara um die Clubnacht „Das Viertel lebt!“ kann positiv verwertet und genutzt werden. Muss es auch, sonst bleiben von Ideen nur hohlen Phrasen übrig. Litfass-Besitzer Schütz besinnt sich daher auf Inhalte: „Wir haben Forderungen an die Politik formuliert, damit diese in den Koalitionsverhandlungen ein Thema sind.“ Dabei geht es um einfachere Genehmigungen für kulturelle Veranstaltungen, um Musikwirtschaft, um zentrale Ansprechpartner oder gar einen Nachtbürgermeister. Mit einem Clubverstärker-Festival ist auch eine etwas andere Veranstaltung in Planung, die Fachpublikum anziehen soll.

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