Turbostaat "Abalonia"

Konzept eines Punk-Märchens

Turbostaat veröffentlicht am Freitag das Album "Abalonia".

Flensburg – Von Pascal Faltermann. Rauer Ostseewind bläst ins Gesicht. Dauerhaftes Rauschen pustet durch die Ohren. Grau, feucht und leicht stürmisch ist das Wetter. Der nass-kalte Herbst in Flensburg scheint der neuen Turbostaat-Platte „Abalonia“ den tragenden Sound mitgegeben zu haben.

Es ist das sechste Album der norddeutschen Band, das typisch für die Musiker aus der Stadt im Norden Schleswig-Holsteins ist, aber auch eine neue Richtung einschlägt.

Es ist nicht mehr dieser Haudrauf-Punkrock, der wie eine Sturmwelle volle Breitseite ins Gesicht schlägt. Es sind nicht mehr nur diese verschachtelten, versteckten Aussagen, die die Songtexte bestimmen. Turbostaat reizte es, mehr zu erzählen.

„Komm mit mir, wir bleiben nicht zum Sterben hier (...) Was ist schon diese Stadt im Herbst?“, ruft Turbostaat-Sänger Jan Windmeier lauthals in „Rupperts Grün“. Der erste Song auf der neuen Platte zeigt in sich einen kleinen Wandel: Erst dieser krachende, scheppernde Punk mit einer Priese Wut, den die Hörer von Turbostaat kennen, dann wird es epischer, die Erzählungen werden ausschweifender und weitläufiger. Das Stück weist den Weg in die Platte, den Weg in das fiktive Land „Abalonia“. Die Flensburger fabulieren davon in zehn Songs mit einer Spielzeit von 43:02 Minuten. Ein Konzeptalbum mit einem modernen Punk-Märchen.

Aufgenommen wurde „Abalonia“ nach anderthalbjähriger Vorbereitung in nur fünf Tagen an historischer Stelle: Der Turbostaat-Stammproduzent Moses Schneider buchte das Berliner Hansa-Studio, wo er einst sein Handwerk gelernt hatte. Dort hängt der Geist von David Bowie und Depeche Mode in den Räumen.

Turbostaat

Musikalisch ist überwiegend der typische Turbostaat-Klang geblieben. Dieses Gefühl, als zerstreue die schroffe, brausende Meeresluft die auf einem Boot aus den Boxen schallende Musik. Allerdings durchbricht die Band den standardisierten Aufbau typischer Popsongs: Strophe, Bridge, Refrain besetzen nicht mehr starr ihre Plätze, um den Texten einen musikalischen Raum zu geben. Doch ganz neu ist das für Turbostaat nicht, sie sprengten bereits in der Vergangenheit häufiger das klassische Punk-rock-Format, schon früher durften Stücke auch mal länger als fünf Minuten sein.

Herausragende Songs wie die bekannten „Haubentaucherwelpen“ oder „Pennen bei Glufke“ fehlen auf diesem Album, das sich eher als Gesamtwerk versteht. „Die Arschgesichter“ ist die stärkste Ansage und besticht durch Zeilen wie „Ich bin so müde vom Schlafen und glücklich vom Heulen, und Galle wütet weiter in meinem Bauch vielleicht gibt es ja zur Bratwurst noch Backpfeifensalat, ihr Arschgeigen.“ Es folgt das Stück „Wolter“, das mit 6:15 Minuten wohl zu den längsten und ausführlichsten der Band-Historie zählt. Hier pilgert der Erzählstrang zu der Geschichte eines einsamen Mannes, für den die Namenlosen „ein Lied voller Trauer und Zorn“ singen.

Der Tod ist kehrt immer wieder auf der Platte und schafft ein düsteres, morbides Grundgefühl. Flucht vor dem Tod, Tod als Metapher für Niedergang, Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit. Abstrakt, indirekt zeichnet Texter Marten Ebsen ein kritisches Gesellschaftsbild, das er auch direkter hätte beschreiben können. Das mag Konzept sein, um am Ende mit dem Aufbruch vermittelnden Song „Abalonia“ zu schließen. Darin bekommt die handelnde Figur Semona einen Namen, die denselben Weg weiter geht: „Vielleicht trifft man sie in Abalonia.“

Turbostaat "Abalonia"

PIAS Germany/Rough Trade

CD 14,99 Euro / LP 17,99

Termin: Hurricane Festival, 24. bis 26. Juni

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