Das Urteil fällen die Zuschauer

"Terror" am Staatstheater

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Der Theaterregisseur Nicolai Sykosch im Staatstheater in Braunschweig während der Probe für das Theaterstück "Terror".

Braunschweig - Von Rebecca Krizak. Das Staatstheater Braunschweig bringt mit „Terror“ von Ferdinand von Schirach eine Gewissensfrage auf die Bühne. Darf man Menschen töten, um noch viel mehr Menschen zu retten? Am Ende müssen die Theaterzuschauer abstimmen.

Lars Koch steht vor Gericht. Der Major der Bundeswehr, der ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat, bevor es in ein voll besetztes Fußballstadion stürzen sollte, muss sich wegen 164-fachen Mordes verantworten. Schuldig oder nicht? Das entscheiden die Theaterbesucher. Auch für Regisseur Nicolai Sykosch keine leichte Frage. Am 22. Januar feiert das Stück Premiere in Braunschweig.

Einer Gerichtsverhandlung auf der Bühne zuzusehen, klingt auf den ersten Blick trocken. Wie erreicht man die Zuschauer damit?

Nicolai Sykosch: Die Spannung erzeugt das Thema an sich. Es steht ja schon fett „Terror“ drauf und natürlich ist es ein Thema, das uns angeht. Es geht um die Grundfragen einer Demokratie, die vom Terror angegriffen wird. Im Stück ist vorgegeben, dass der Zuschauer am Ende abstimmt. Das ist für ihn prickelnd: er weiß, er muss besonders aufpassen, denn am Ende ist seine Stimme wichtig. Die Zuschauer müssen den Gedanken folgen, die die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung darlegen, weil sie sich am Ende darüber eine Meinung bilden müssen. Das kommt ja im Theater selten vor.

Wie läuft denn die Zuschauerabstimmung ab? Gibt es so eine Art Hammelsprung, wie in der Politik, wo man entweder durch die eine oder die andere Türe geht? 

Sykosch: Das war mir zu wenig, da geht man einfach so durch eine Türe, durch die man ja auch normalerweise reingeht. Ich möchte lieber, dass jeder eine Karte in eine Urne wirft, so dass auch der Vorgang, sich vor allen Leuten zu etwas zu bekennen, wichtig ist.

Die Uraufführung des Stücks fand noch vor den Anschlägen in Paris statt. Was hat sich seitdem daran verändert? 

Sykosch:Wir hatten noch mal eine ganz andere Sensibilität der Sache gegenüber. Von Schirach hat in der Buchausgabe noch etwas verändert und auch wir haben Annäherungen an das reingebracht, was in Paris passiert ist. Wir zählen zum Beispiel im Stück Konzerthallen als Orte auf, an denen man terrorgefährdet ist - das wäre einem doch vorher so nicht in den Sinn gekommen.

Hat sich Ihre Meinung, wie das Urteil ausfallen sollte, im Laufe der Zeit verändert?

Sykosch: Ja, auf jeden Fall, das ging ganz vielen im Ensemble so. Es geht nicht nur um die Frage des Abschusses, sondern darum, dass die Menschen ihre Grundrechte verändern, dass sie sich für die Terroristen verbiegen. In Frankreich gilt der Ausnahmezustand seit den Anschlägen. Ist es nicht genau dass, was die Terroristen wollen: Das wir angesichts des Schreckens nicht mehr gelassen auf diese furchtbaren Dinge reagieren können.

Haben Sie das Gefühl, schon zu wissen, wie die Abstimmung der Zuschauer am Ende ausgeht?

Sykosch: Es gab, glaube ich, erst zweimal eine Verurteilung bei Aufführungen in anderen Städten. Grundlegend ist die Tendenz sehr knapp, aber es ist fast immer ein Freispruch. Wie es hier sein wird, finde ich sehr spannend - man weiß es nicht. Man weiß selbst gar nicht, was man am Ende sagen würde. Auch die Schauspieler nicht.

ZUR PERSON: Nicolai Sykosch, geboren 1963 in Düsseldorf, arbeitet seit 1991 als freier Regisseur. Am Staatstheater Braunschweig inszenierte er unter anderem „König Ödipus“, „Frau Müller muss weg“. In dieser Spielzeit sind am Staatstheater neben „Terror“ auch noch seine Inszenierungen von „Im Westen nichts Neues“ und „Der Vorname“ zu sehen.

dpa

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