Im Schlachthof eröffnet das Theaterfestival „Explosive!“

Zu wenig Mut zur Verdichtung

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„Fear Industry Projekt“ untersucht am Samstag die Ausbeutung der Angst in Medien, Politik und Wirtschaft

Bremen - Von Rolf Stein. Angst kann lähmen oder beflügeln. Woher sie kommt, ist oft nicht klar. Warum haben wir zum Beispiel Angst vor harmlosen Spinnen, dafür aber keine vor Hitzwellen, denen in Deutschland im Jahr 20000 Menschen zum Opfer fallen? Oder: Warum fürchten wir uns mal vor Dingen, die wir sehen, ein anderes Mal vor etwas, was wir nicht sehen, gerade weil wir es nicht sehen?

Diesen und anderen Fragen um die Angst geht das „Explosive!“-Festival für junges Theater nach, das jetzt zum 15. Mal im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen stattfindet.

Zur Eröffnung am Mittwoch hatten die Kuratoren Tobias Pflug und Elinor Binder den Angstforscher und Psychiater Borwin Bandelow eingeladen, der in einem halbstündigen Referat Angst von Angsterkrankungen schied, erstere als biologische Konstante erklärte, vor einfachen Erklärungen für zweitere warnte, zu deren Therapie er eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Psychopharmaka empfahl.

Inwieweit theatrale Formen vielleicht auch in diesem Sinne hilfreich sein könnten, lässt sich nach Ansicht des ersten Festivaltags nicht hinreichend beantworten. Im Zentrum des Abends stand „Schleier Mayer – die Show“ vom Kollektiv Gefährliche Liebschaften, das schon 2013 auf dem „Explosive!“ gastierte.

Die Gruppe hatte in den vergangenen Monaten unter anderem mit einem Pop-up-Store für Verschleierungsbedarf in der Bremer Innenstadt Material für ihre Arbeit gesammelt, die zunächst den hübschen Titel „Burkini Faso“ tragen sollte. Der Schleier ist natürlich deswegen am Platz auf einem Festival zur Angst, weil er – Pegida im Sinn – gern als Symbol für das integrationsunwillige Fremde genommen wird, das die freiheitliche Werteordnung mählich unterwandere,

Es beginnt derweil ganz kurzweilig. Eine Stimme aus dem Off informiert uns darüber, dass zum Beispiel drei Menschen im Saal ihren Kopf mit einer Perücke teilverdecken, einige mehr mit einem Bart ihr Gesicht verschleiern, fünf Männer ihre Achseln rasiert haben und elf Frauen nicht. Mit dieser Behauptung intimer Enthüllungen wird schon eine der Kernthesen von „Schleier Mayer“ deutlich: Unsere Stellung zu bestimmten Verschleierungen ist zumindest auch kulturell geprägt – unsere Gesellschaft lässt sich in der Entscheidung darüber, welche Körperteile bedeckt zu sein haben, ja auch nicht von der Kleiderordnung der Yamana beeindrucken. Die im nicht gerade tropischen Patagonien lebten und sich lediglich mit Lagerfeuern und Tierfett gegen die Kälte schützten.

Die Show geht weiter mit einer, gleichfalls von einer scheinbar körperlosen Stimme vorgetragenen, eher theoretischen Einführung in die Schleierkunde (merke: Verschleierung jeglicher Körperteile ist als Vermummung hierzulande ganz legal, außer sie könnte, bei Demonstrationen zum Beispiel, einer Vermummung gleichen) sowie einer unsichtbaren Modenschau.

Erst dann ist mehr zu sehen als Licht und Nebel auf der Bühne: Ein changierendes Tuch, unter dem mit der Zeit drei menschliche Gestalten kenntlich werden, bewegt sich stetig formwandelnd über die Bühne, mal an ein Tortenstück erinnernd, mal an ein bizarres Tier, mal an eine Skulpturengruppe – was als Szene übrigens durchaus reizvoll auch als Kommentar auf den Schleier an sich ist, weil, wie die uns nun schon bekannte Off-Stimme später sagt, nur enttäuschen kann, was unterm Tuch ist. Zu sehen bekommen wir es zum Beweis trotzdem, dazu im Weiteren ein paar wirklich extravagante Teil- und Ganzkörperverschleierungen sowie Originaltöne aus Interviews, interkulturelle Reflexionen und eine Schlussszene, die uns offenbar persönliche Utopien enthüllen soll.

Damit stellen die Gefährlichen Liebschaften der Angst vor dem Kopftuch eine differenziertere Lesart entgegen, die den Schleier auch als Werkzeug von Selbstbestimmung, wenn nicht gar Selbstermächtigung kenntlich macht. Leider verhandelt der Abend die Untiefen und Klippen der Verschleierungsthematik allzu verbindlich und leider auch dramaturgisch unentschlossen. Gerafft, verdichtet und zugespitzt könnte das ein richtig spannender Abend sein.

Wie wenig es dagegen für eine intensive, konzentrierte Performance braucht, zeigte später am Abend diekolumbianische Künstlerin Daniela Reina, die mit klug eingesetzter, minimaler Requisite eine berührende, Generationen übergreifende Geschichte erzählte.

Bis 16. Januar;

www.explosive-info.de

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