Landesmuseum Oldenburg zeigt Architektur der Moderne

Der Mensch stört

Musterbeispiel effektvoller Architekturfotografie: Fritz Högers Zigarettenfabrik Haus Neuerburg in Hamburg (1926-1928) – aus der Sicht der Gebrüder Dransfeld. ·
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Musterbeispiel effektvoller Architekturfotografie: Fritz Högers Zigarettenfabrik Haus Neuerburg in Hamburg (1926-1928) – aus der Sicht der Gebrüder Dransfeld.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Am Anfang, sagt Kurator Andreas Rothaus, stand beim Durchwühlen der alten Kisten verhaltene Freude. Ein Foto: Wie schön! Vielleicht findet sich ja noch eines in diesem umfangreichen Nachlass vonWalter Müller-Wulckow, Gründungsdirektor des Landesmuseums Oldenburg.

Dann die Enttäuschung: Statt erhoffter Sternstunden der Architekturgeschichte zeigten die meisten Bilder bloß Gebäude aus der zweiten Reihe von Bauhaus, Expressionismus und klassischer Moderne. Und schließlich die plötzliche Erkenntnis: Genau darin könnte der eigentliche Wert der Sammlung bestehen. Denn wo sonst sollte es bereits eine derart umfangreiche Dokumentation der architektonischen Moderne geben? Einen Querschnitt durch alle Schulen und Stilrichtungen, völlig unbeeinflusst von der späteren Rezeptionsgeschichte?

Lange habe man sich um das Erbe seines Vorgängers nicht recht kümmern wollen, sagt der heutige Direktor des Landesmuseums, Rainer Stamm. Ein großer Fehler. Denn was Rothaus und seine Kollegin Claudia Quiring schließlich darin fanden, sei einzigartig: „Es ist, als halte man ein Echolot in die Architekturgeschichte der zwanziger und dreißiger Jahre.“

Die rund tausend Originalfotografien, zahlreichen Korrespondenzen und Notizen verdanken sich einem vierteiligen Buchprojekt Müller-Wulckows, das in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre auf ein großes Interesse der Öffentlichkeit gestoßen war. Nach Abschluss der Reihe lagerte das Material Jahrzehnte lang in Kisten: erst bei Müller-Wulckow selbst, dann bei seiner Witwe, schließlich im Magazin des Landesmuseums. Heute sind die Fotografien im Oldenburger Schloss zu sehen. Die Ausstellung „Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch“ wird an diesem Sonntag eröffnet.

Das Echolot der Architekturgeschichte: Es schlägt in dieser Schau gleich mehrfach an. Da ist zum einen die Architektur selbst, die sich etwa in der von Karl Pregizer, Hermann Bräuhäuser und Heinrich Bähr konzipierten Duisburger Siedlung Dickelsbach von ihrer in diversen Retrospektiven meist vernachlässigten Alltagsseite zeigt. Anders als in den Vorzeigeprojekten der Moderne, wie etwa dem Chilehaus in Hamburg, galt es hier, Geringverdienern ein möglichst menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Fotograf Paul Gieseler dokumentiert in drei Perspektiven das Bemühen um effektive Raumnutzung bei optischer Großzügigkeit: Die schnörkellose Flachdachästhetik offenbart den Einfluss des Bauhausstils ganz beiläufig – als entfernter Wiederhall der Dessauer Meisterhäuser. Expressionistische Tendenzen zeigen sich dagegen in gewagten runden Formen der Villa eines Geschäftsmanns aus Alexandria. Thilo Schoder hat sie in Anlehnung an einen Nildampfer konstruiert.

Natürlich sind auch die Ikonen der architektonischen Moderne vertreten: Erich Mendelsohns Hutfabrik in Luckenwalde etwa, deren Färberei ihrerseits eine Hutform aufweist. Und natürlich auch das Chilehaus von Fritz Höger, dessen Ostspitze sich in schier unglaublicher Dynamik gen Himmel streckt. Womit auch schon die zweite Dimension dieser Schau be nannt wäre: Architekturfotografie.

Denn so dramatisch, wie die Bugform des an ein Schiff erinnernden Chilehauses auf dem Bild der Gebrüder Dransfeld anmutet, ist sie in Wirklichkeit gar nicht. Der Weltruf dieses Hauses verdankt sich einem Lichtbild aus extremer Untersicht. Perspektive und Lichteinfall einer fotografischen Abbildung konnten über Wohl und Wehe einer Architektenkarriere entscheiden. Kein Wunder, dass sich viele Architekten ausgiebig mit den zur Veröffentlichung bestimmten Fotobeispielen befassten.

Eins zu eins gelangte kaum ein Bild in die Zeitung. Schon lange vor den Auswüchsen der digitalen Bildbearbeitung wurde munter drauf los retuschiert. Da wuchsen plötzlich Bäume, wo eigentlich ein Acker brachlag und Sonnenschein löste Regenwolken ab. Personen dagegen waren so gut wie nie zu sehen: Der Mensch nämlich, erklärt Kurator Rothaus, mache Dreck und Unordnung, das passe einfach nicht in die keimfreie Inszenierung architektonischer Perfektion. Als Standard dagegen galt das Nachzeichnen äußerer Konturen. Wo eine weiße Hauswand aufhört und bereits der Himmel beginnt, wäre ohne diese Maßnahme oft nicht deutlich zu erkennen gewesen.

Noch eine Facette der architektonischen Moderne lässt sich entdecken in dieser vielfältigen Oldenburger Schau. Die Erneuerung im Außen nämlich sollte im Innen ihre Entsprechung finden. Zum Beispiel in den Wohnungen für Arbeiterfamilien. Mittels großflächiger Fensterfronten wurden auch beengte Räume mit ausreichend Licht durchflutet. Möglich war das freilich nur, wenn kein wuchtiger Schrank im Weg stand, weshalb hüfthohe Möbelstücke in Mode kamen. Designt waren diese denkbar schlicht: Das umständliche Putzen des barocken Zierrats, wie es im altdeutschen Stiel noch vielfach anzutreffen war, sollte dem Arbeiter nach Feierabend erspart bleiben.

„Neue Baukunst!“ ist in der Tat eine bemerkenswerte Exkursion in ein bedeutendes Terrain deutscher Kulturgeschichte. Wer an ihr teilnimmt, kommt mit einem veränderten Bewusstsein zurück: mit der Erkenntnis unvermuteter Verbindungen zwischen Bauen und Leben, Architektur und Gesellschaft zur Zeit der beginnenden Moderne.

„Neue Baukunst!“: Bis 23. Februar im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg (Schloss). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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