Ausstellung in Oldenburg und Bremen zeigt Architektur des Nordwestens

Mehr als Backstein

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Naturnah und innovativ: SoleArena in Bad Essen. 

Oldenburg/Bremen. Von Rainer Beßling - Dieses Bauwerk dürfte bundesweit bekannt sein. Auch wer den Nordwesten nur durchkreuzt, wird die Autobahn-Raststätte Dammer Berge kaum übersehen.

Wo die norddeutsche Tiefebene auf die ersten Hügel stößt, spannt sich die Brückenraststätte über die A1. Verglasung vom Boden bis zum Dach erlaubt den Restaurant-Gästen einen weiten Blick ins Land. Die Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn dürfen sich in die Schaulust mit eingeschlossen fühlen. Auch einem Team von Architekten und Ingenieuren fiel der Blickfang auf. Bei ihrer Recherche nach besonderen Bauwerken der Region nahmen sie in den Dachkonturen die sensible Antwort der Raststätten-Architekten Manfred Bock und Paul Wolters auf die Charakteristika der umgebenden Landschaft wahr. Zudem sahen sie in der Konstruktion aus Beton, Stahl und Glas, 1967-1969 realisiert, einen typischen Ausdruck für Optimismus und Zukunftseuphorie der Aufbaujahre.

Rund 100 Bauwerke und Raum-Ensembles entdeckte die Kommission, vom Oldenburger Forum für Baukultur „bau_werk“ und dem „b.zb“, Bremer Zentrum für Baukultur eingesetzt, als „qualitätvolle architektonische Zeugnisse“ der vergangenen 60 Jahre. Dokumentiert wird sehenswerte neuere Architektur des Nordwestens nun in einer Ausstellung und Publikation. Die Präsentation startete im Oldenburger „bau_werk“ (an der Exerzierhalle) und ist dort noch bis zum 30. September zu sehen. Vom 25. Oktober bis 2. Dezember macht sie im Bremer „b.zb“ (am Speicher XI, Überseestadt) Station.

Der begleitende Katalog ist ein anschaulicher und kundig getexteter Architekturführer. Worin er sich von bestehenden unterscheidet, macht schon der Titel deutlich: „Es muss nicht immer Backstein sein...“ Wenn es nun nicht Backstein, das regionaltypische Material ist, was kennzeichnet denn die Architektur zwischen Cuxhaven und Osnabrück, Cloppenburg und Verden? Lassen nicht allein schon die politischen und kulturgeschichtlichen Hintergründe etwa von Bremen und Oldenburg auf verschiedene Architekturideale schließen?

Was Exponate und Publikation deutlich machen: Eine generell gültige Kategorie für die ästhetische Qualität der regionalen Architektur gibt es nicht. Entscheidend für die Aufnahme in die baulichen Top Hundert des Nordwestens sind offenbar zwei Kriterien: Zum einen muss der Bezug zur Besonderheit des jeweiligen Ortes gelungen sein. Zum anderen sollte die Architektur mit besonderer baulicher Qualität Charakteristika und Geist einer Epoche widerspiegeln.

„Bauwerke können sich sensibel in einen Ort integrieren. Sie können aber auch durch ihre auf einen Ort fokussierte Expressivität optische und inhaltliche Orientierungspunkte im Stadt- und Landschaftsraum setzen oder durch ihren experimentellen Charakter einen Ort herausfordern“, sagt der Bremer Architektur-Professor Eberhard Syring, wissenschaftlicher Leiter des b.zb.

Diese Ansprüche erfüllt nach Ansicht der Juroren die umgebaute Kunstschau Worpswede ebenso wie die Strandhalle Brake, eine Trauerhalle in Oldenburg-Bümmerstede, das Kreishaus Vechta oder das Rathaus Lohne. In der Strandhalle erkennt die Kommission das Dokument einer Übergangsepoche zwischen Spät- und Postmoderne und damit einer wichtigen Architektur-Debatte: Von der Pop-Art inspiriert, besinge das einer geduckten Möwe nachempfundene Bauwerk in betont emotionaler Weise „das platte Land“.

„Naturnah“ und „zukunftsweisend“ lauten die Prädikate für die „SoleArena“ in Bad Essen. Dabei werde „die traditionelle Form und Technik eines Gradierwerks völlig neu als Kunstwerk und Erlebnisort in Szene gesetzt“. Würdigung findet auch die Bremer Wohnanlage Marterburg, weil hier mit verspielten Details und originellem Häuserschnitt auf die „Stadtzerstörung durch moderne Architektur“ reagiert worden sei. „Orientierung an menschlichen Maßstäben“ kennzeichne den Oldenburger „Herbartgang“, eine „kleinteilige eigene Welt“ mit besonderer Atmosphäre.

Das Projekt lässt Architektur im Nordwesten kennenlernen und besser sehen. Nicht zuletzt sind Ausstellung und Buch ein Beitrag zu einer breiteren Baukultur-Debatte, die unbedingt noch ausbaufähig ist.

Bau_Werk Oldenburg , bis 30. September.

Bremer Zentrum für Baukultur, 25. Oktober bis 2. Dezember

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