Die Bremer Künstlerin Anja Fußbach im Porträt

Kunst aus dem Geist von Punk

Anja Fußbach und einige ihrer Kreaturen.

Bremen - Von Radek Krolczyk. Eigenwillige Figuren: Ein Krokodil mit Puppenbeinen. Ein Papa Schlumpf auf Stelzen und eine Kreuzung aus Mensch und Tiger. Ein achtbeiniger Drahtkäfer mit dem Kopf und den Armen einer Barbie-Puppe. Ein Teufel mit einem riesengroßen Dildo – das sind nur einige der Schöpfungen von Anja Fußbach. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet die 1965 in Soltau geborene und in Bremen lebende Künstlerin mit Schrott, Flohmarktfunden und Touristenkitsch.

Wenn man ihre Figuren einzeln betrachtet, kann man sie als Individuen erkennen. Gemeinsam haben sie ein gewisses Außenseitertum, manche vielleicht eine politische Gesinnung. Jedenfalls sind sie Personen mit unverwechselbaren Charaktereigenschaften, mit kleinen oder großen Macken, die ihnen im Verlauf ihrer Existenz zugefügt wurden, kurz: Sie sind Wesen mit Schwächen, Stärken, Vorlieben und Perversionen. Und weil die Materialien, aus denen sie gemacht sind, Geschichte haben, haben auch sie selbst Geschichte.

Die riesige Halle auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, die ihr als Atelier dient, ist vollgestellt mit Hunderten solcher Wesen. Im Gespräch mit Fußbach wird schnell klar, wo ihre kulturellen und politischen Wurzeln sind: in feministischen Gruppen, in besetzten Häusern, im Punk. Was das mit ihrer Kunst zu tun hat? Fußbach hat sich die Freiräume erkämpft, in denen sie ihre ästhetischen Formen entwickeln konnte. In einem solidarischen Umfeld und der Selbstermächtigung über Zeit, Raum und Material.

Fußbach ist in der Bremer Szene schon seit Langem präsent. 2013 zeigte das Programmkino City 46 Monika B. Beyers Film „Pilotin in Zwischenwelten – Kosmos Anja Fußbach“. Fußbach gehört auch zu den wenigen Bremer Künstlern, die von ihrer Arbeit leben können. Wobei kunstpädagogische Arbeit zum Alltag einer Künstlerin natürlich dazugehört. Fußbach arbeitet projektweise mit Schulklassen und gibt Kurse im Schweißen – eine Technik, die in der Kunst nur wenige beherrschen.

Auch Schaufensterpuppen werden bei Fußbach Kunst.

Form, Inhalt und Handwerk hat sie sich autodidaktisch, jenseits der Akademie erarbeitet. Vor etwa 20 Jahren begann sie, Insekten aus Metallteilen zusammenzuschweißen. „Damals hatte sich gerade die DDR aufgelöst, und es gab jede Menge Schrott von der Nationalen Volksarmee. Die Übungsgranaten, die ich gefunden habe, waren perfekt für meine Insektenkörper“, erzählt Fußbach. „Ich habe dann aus den Dingern Ameisen gebaut, eine ganze Ameisenstraße. Dieses Marschieren der Käfer hat ja, genau wie die Granate, etwas Militärisches.“ Vor wenigen Monaten interessierte sich übrigens auch das Militärmuseum Dresden für diese Arbeiten. Fußbach winkte ab. Ein Verkauf ihrer miltärkritischen Käfer ans Militär kam für sie nicht in Frage – aus politischer Überzeugung.

Zu ihren ersten Figuren gehört auch eine fünfköpfige Erdmännchenfamilie. Ihre Körper sind aus Stahlplatten geschweißt. Sie tragen Pelzmäntel, eines von ihnen hat eine Handtasche, aus der ein riesiger Butterkeks herausschaut. Die Pelztierchen hat die Künstlerin schon einige Male gezeigt, zwischen den Ausstellungen hausen sie in ihrer Wohnung.

Schrott, Flohmarktfunde, Touristenkitsch: Das sind typische Materialien für Anja Fußbachs Arbeiten. - Fotos: Radek Krolczyk

Die Erdmännchen waren auch vor zwei Jahren dabei, als die Städtische Galerie Bremen Fußbach eine große Einzelausstellung widmete. Sie zeigte damals unzählige ihrer Figuren, angeordnet als Demonstrationszug. Titel: „Serengeti darf nicht sterben!“ Die Erdmännchen zogen in der Städtischen Galerie entschlossen mit all den anderen Fußbach-Freaks für den Erhalt von Serengeti durch den Ausstellungssaal im Buntentor. Wobei nicht ganz klar ist, ob der berühmte Nationalpark in Tansania oder doch nur der Safari-Freizeitpark in Hodenhagen gemeint war. Denn für Pop- und Trashkultur interessiert sich Anja Fußbach seit eh und je. In diesem Sinne kann durchaus auch ein Freizeitpark als Perversion des Nationalparks den Status von etwas Schützenswertem erhalten.

Mit Rettung hat auch die „Havarie“ zu tun, die sie 2012 mit dem Künstler Tobias Lange im Auftrag der Schwankhalle entwarf: eine mobile, modifizierbare Kneipe. Die Wände bestehen aus beleuchteten Kunststoffplatten, auf denen verschiedene Fotografien aufgebracht sind. Alle Möbel sind auf Rollen montiert. „Wir haben das Ding Havarie genannt, weil der Name so schön klingt. Und weil er mit Scheitern zu tun hat, was wiederum sehr nah an dem Konzept einer Kneipe ist“, sagt Fußbach. Und Kneipen können manchmal schließlich auch die Rettung sein.

Vom 15.bis zum 18. September sind Anja Fußbachs Arbeiten auf der Berliner Kunstmesse „Positions“ zu sehen; www.anjafussbach.com

Dardais Überraschungsteam

Dardais Überraschungsteam

500 Zivilisten in Aleppo getötet

500 Zivilisten in Aleppo getötet

Grundschule Horstedt feiert Geburtstag

Grundschule Horstedt feiert Geburtstag

Nikolaus im Kindergarten Stuckenborstel

Nikolaus im Kindergarten Stuckenborstel

Meistgelesene Artikel

Syke zeigt sein Gesicht

Syke zeigt sein Gesicht

Desorientiert in der Mitte

Desorientiert in der Mitte

Oper „La fille du régiment“ begeistert mit leichtfüßiger Inszenierung

Oper „La fille du régiment“ begeistert mit leichtfüßiger Inszenierung

Brian Fallon stellt sein erstes Soloalbum vor

Brian Fallon stellt sein erstes Soloalbum vor

Kommentare