Konzertante „Entführung aus dem Serail“ in Bremen gerät unfreiwillig komisch

Turnstunde

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Bremer Stadtmusikanten? Nein, „Die Entführung aus dem Serail“: Phasenweise erinnert die Vorstellung im Musical Theater an Grimms Märchen.

Bremen - Von Wolfgang Denker. Waren es wirklich nur die Sprachprobleme oder nicht doch auch Furcht vor der Kraft der Regie? Tatsache ist, dass „Die Entführung aus dem Serail“ am Sonntagabend im Bremer Musical Theater anders zur Aufführung kam, als noch im Programmheft angekündigt.

Eigentlich war für das Musikfest nämlich eine Übernahme vom Festival d’Aix-en-Provence vorgesehen, wo Martin Kušej Mozarts Oper inszeniert hatte. Es wurde aber wegen der englischsprachigen Textfassung dieser Produktion – und eben wahrscheinlich auch wegen der politischen und brutalen Lesart Kušejs – relativ kurzfristig entschieden, in Bremen eine eigene konzertante Version (auf der Grundlage des Uraufführungslibrettos) mit „szenischen Elementen“ zu präsentieren. Die dadurch teilweise notwendigen Umbesetzungen konnten gut gelöst werden.

Für die szenische Einrichtung zeichnete Aglaja Nicolet verantwortlich. Aber die Bezeichnung „szenisch“ ist deutlich zu hoch gegriffen. Es war nicht mehr, als bei konzertanten Aufführungen ohnehin zwischen den Solisten an angedeuteter Interaktion stattfindet. Osmin hantierte mit einem Bassgeigenkasten herum, Pedrillo brachte ein Blumengebinde auf die Bühne, der Chor schwenkte eine Fahne und Bassa Selim lief, verzweifelt die Arme zum Himmel streckend, einmal um das Orchester herum. Bei der Entführung turnten die beiden Paare so übereinander herum, als wollten sie die Bremer Stadtmusikanten nachstellen. Das war eher unfreiwillig komisch.

So stand denn (nicht ungewollt) die Musik ganz im Vordergrund. Die Erwartungen waren hoch, vielleicht zu hoch gesteckt. Das Orchester Le Cercle de l’Harmonie unter dem Dirigenten Jérémie Rhorer musizierte jedenfalls mit schlankem, durchsichtigem Mozart-Ton. Da wurde jeder Feinheit der Partitur sehr differenziert nachgespürt, die rhythmischen Akzente wurden genau und kraftvoll gesetzt, die unaufgeregten Tempi stimmig und organisch entwickelt.

Trotzdem wollte der entscheidende Funke nicht überspringen – alles wurde in erhabener Schönheit gespielt und gesungen, aber der Witz des Singspiels blieb auf der Strecke. Der Abend hatte dadurch doch einige Längen. Lag es an der Akustik des Musical Theaters, lag es an den Stimmen der Sänger? Vieles klang einfach nur gedämpft und mit wenig Biss. Daniel Behle etwa als Belmonte (er ließ sich als leicht erkältet ansagen) zeigte mit manch schönem, in der Schwebe gehaltenem Ton seine reiche Erfahrung in dieser Partie. Aber vieles war einfach nicht präsent genug oder auch nur mit zu wenig Leidenschaft angereichert. Bei „Wenn der Freude Tränen fließen“ war von Freude nicht viel zu spüren. Robin Johannsen meisterte die schwierige Partie der Konstanze ohne Fehl und Tadel. Vielleicht mangelt es ihrem koloratursicheren Sopran etwas an Wärme, aber bei „Traurigkeit“ zeichnete sie doch ein berührendes Seelengemälde. Richtig aufdrehen konnte sie dann in der unmittelbar sich anschließenden Marternarie. Die Stimme von Nikola Hillebrand (Blondchen) ist der von Johannsen im Timbre und im Charakter sehr ähnlich. Da sie so gar nicht nach Soubrette klang, bekam die Partie bei ihr besonderes stimmliches Gewicht. Zudem brachte sie mit ihren wiederholten Küssen für Pedrillo eine Prise Spielwitz ein, die dem Abend weitgehend fehlte. Paul Schweinester war ein erfreulich munterer Pedrillo mit beweglichem Buffo-Tenor und sympathischer Ausstrahlung.

Mischa Schelomianski ist sicher kein Schwergewicht im Bassfach, kein wirklicher Basso profundo. Aber er kann mit seiner schlanken Stimme umgehen, auch wenn die ganz tiefe Lage etwas bemüht wirkt. Seinem „O, wie will ich triumphieren“ fehlte allerdings die heimtückische Gefährlichkeit, wodurch die Wirkung etwas verpuffte. Wenig stimmig war die Besetzung des Bassa Selim mit Christoph Quest. Eigentlich soll er ja für Konstanze eine denkenswerte Alternative zu Belmonte sein. Das konnte Quest als älterer Herr mit oft überzogener Sprechweise kaum einlösen. Der von Detlef Bratschke einstudierte und für diese Produktion zusammengestellte Chor des Musikfest Bremen erfüllte seine kleinen Aufgaben sehr klangvoll.

Eine weitere Aufführung gibt es heute um 19 Uhr im Musical Theater Bremen.

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