Staatsoper Hannover zeigt Kurt Weills „Street Scene“

Guter Kitsch

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Frank (Brian Davis) legt an: An der Staatsoper Hannover ist Kurt Weills „Street Scene“ zu erleben.

Hannover - Von Jörg Worat. Der Vorhang im Opernhaus zeigt schon zu Beginn, wo es langgehen wird: Die Freiheitsstatue ist darauf abgebildet, in einer etwas plakativen Manier.

Das entspricht inhaltlich und formal dem, was sich dann auf der Bühne abspielt – Kurt Weills „Street Scene“ hat durchaus eine Pop-Art-Attitüde, und der amerikanische Traum ist darin das große Thema. Wenn er sich auch überwiegend in einen Alptraum verwandelt.

Das Stück mit dem Libretto von Elmer Rice und den Songtexten von Langston Hughes, uraufgeführt 1947, taucht eher selten in den Spielplänen auf, und man darf sich fragen, warum eigentlich.

Weill selbst traf den Wesenskern mit seiner Bezeichnung „amerikanische Oper“ sehr genau. Nach hiesigem Verständnis würde man die Sache wohl eher als Musical bezeichnen, mischte der Komponist, ohnehin stets Grenzgänger zwischen E- und U-Musik, doch Elemente von Broadway, Jazz, Swing und Blues hinein. Andererseits hat die europäische Operntradition, etwa in Gestalt von Puccini, durchaus ihre Spuren hinterlassen, und das Zusammentreffen dieser Welten birgt zweifellos etwas Spannendes. Auch bleibt unklar, wieso „Street Scene“ gern ein Mangel an Ohrwürmern vorgeworfen wird – in Hannover waren derer jedenfalls einige im Angebot.

Dass Regisseur Bernd Mottl bei seiner Inszenierung nicht nur mit Kleingeld handeln musste, zeigt bereits die Besetzungsliste: Neben 35 Einzelrollen gibt es Opern- und Kinderchor, Statisterie und die hannoverschen UBC Tigers Cheerleader zu bewundern. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Benjamin Reiners spielt live und tat dies bei der Premiere überzeugend knackig.

Die Handlung ist im ärmeren Milieu angesiedelt, ohne darüber nun groß auf die Tränendrüse zu drücken. Wirkliche Helden gibt es hier nur sehr bedingt: So dominiert allerorts bösartiger Klatsch und macht es den sensibleren Charakteren noch schwerer, der Erfüllung ihrer Träume näher zu kommen. Im Mittelpunkt steht die Familie Maurrant: Ehefrau Anna (reichlich Szenenapplaus für Kelly God) flüchtet sich vor ihrem gewalttätigen Gatten Frank (vor allem schauspielerisch überzeugend: Brian Davis) in eine Liebschaft, was das Leben für die Kinder Rose (Ania Vegry hat sehr viel drauf, lässt aber auch spüren, dass sie das weiß) und Willie (tadellose Leistung vom zwölfjährigen Ben Brandwein) noch schwerer macht. Als Frank den Ehebruch entdeckt, kommt es zum Doppelmord.

Der findet hier im Off statt, wie Regisseur Mottl überhaupt eine schlüssige Balance zwischen Zurückhaltung und Wirkungstreffern findet. Zuweilen gibt er dem Affen kräftig Zucker, wenn etwa die Cheerleader beim großen Loblied aufs Speiseeis über die Bühne wirbeln oder auch Nini Stadlmann und Wolfgang Schwingler als Mae und Dick bei ihrer großen Nummer akrobatische Fertigkeiten an den Tag legen. Andererseits hat Mottl keine Scheu vor geschmackvoller Sentimentalität: „Es gibt ja auch guten Kitsch“, meint Dirigent Reiners berechtigterweise im Programmheft-Interview.

Dort kann man auch lesen, dass der Regisseur die üblichen Darstellungen des Unterschichten-Umfelds etwa im Fernsehen peinlich findet. Gut nachvollziehbar, doch hat die Entscheidung, „Street Scene“ in eine Turnhalle mit Feldbetten zu verlegen (Bühnenbild: Friedrich Eggert) auch ihre Tücken, weil es etwas seltsam anmutet, wenn die Figuren aus einer Szenerie, die an ein Auffanglager für Flüchtlinge oder Hurrikangeschädigte erinnert, ganz selbstverständlich zur Arbeit gehen. Diskutabel scheint auch die deutsche Textfassung von Lys Symonette und Stefan Troßbach, denen man allerdings zugute halten muss, dass Amerikanisch schlichtweg nicht ohne Substanzverlust übersetzbar ist – „I Got a Marble and a Star“ klingt nun einmal anders als „Ich hab ‘ne Murmel und nen Stern“. Den textlichen Faden kann im Opernhaus übrigens niemand verlieren, weil es zur Sicherheit Übertitel gibt.

Riesenjubel bei der Premiere – ein Besucherhit wird das allemal.

Kommende Vorstellungen: am 5. und am 13. November jeweils um 19.30 Uhr sowie am 10. November um 16 Uhr in der Staatsoper Hannover.

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