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Statisch in stummen Mauern

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Zu zweit allein am Kloster Blankenburg: Ein Ex-Patient (Imme Beccard) am Modell seiner Klinik.
Zu zweit allein am Kloster Blankenburg: Ein Ex-Patient (Imme Beccard) am Modell seiner Klinik. © Mediengruppe Kreiszeitung

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Rund sieben Jahrhunderte lang diente das Kloster Blankenburg Bürgern der Stadt Oldenburg zur Unterkunft. Sieben Jahrhunderte lang haben diese Bürger davon größtenteils nur unfreiwillig Gebrauch gemacht. Jetzt, da zum ersten Mal jemand aus freien Stücken ins Gebäude will, wird es ihm verwehrt.

Das Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters hatte in Kooperation mit dem Kollektiv „werkgruppe2“ unter dem Titel „Blankenburg“ ein Stück aufführen wollen: vor Ort über den Ort.

Dem heutigen Besitzer mochte diese Vorstellung gar nicht gefallen, wer weiß, ob sich die Anlage noch gewinnbringend nutzen ließe, wenn ihre düstere Vergangenheit als Verwahranstalt für psychisch Kranke, Zwangsarbeiter und später auch Asylbewerber bekannt wird. So musste „Blankenburg“ seine Uraufführung am Donnerstagabend statt in historischen Gemäuern in einem schlichten Probenraum feiern.

Siebenhundert Jahre – eine solch lange Epoche will erst mal erzählt werden. Die „Buddenbrooks“ muten neben diesem Gebirge wie eine flüchtige Novelle an, die „Ilias“ wie eine knappe Anekdote. Es dürfte nur eine Instanz geben, die von diesem schier unermesslichen Zeitraum an einem einzigen Abend berichten könnte: das Gebäude selbst. Und genau dieser Umstand erweist sich an diesem Abend von Anfang an als Problem.

Während nämlich in Blankenburg die Mauern sprechen könnten, muss das in der nüchternen Räumlichkeit des Probenzentrums schon der Mensch übernehmen. Und so erwartet den Besucher gleich zu Beginn ein spröder Geschichtsunterricht, chronologisch heruntergebetet vom Klosterbau bis zur Gegenwart. Da hilft es nicht, dass man sich zu dieser Lektion in einen Liegestuhl lümmeln darf. Auch nicht, dass diese Datenflut aus zuvor verteilten Kopfhörern direkt ins Ohr dringt. Und schon gar nicht, dass sie aus Kindermündern strömt – im stets bemühten und gerade deshalb monotonen Schulreferatssingsang.

Die abgelesenen Daten im Ohr und eine begleitende Dia-Schau mit Klosterimpressionen vor dem Auge fühlt man sich wie im Heimatkundekurs der Volkshochschule. Bloß, dass zwischen all den Sesseln, Rollstühlen und Liegen noch ein paar wenige Requisiten herumstehen (Bühne: Thomas Rump). Ein Bett zum Beispiel, eine Kinderschaukel oder ein Tisch mit Modelllandschaft: das Klostergelände im Miniaturformat. Und natürlich Puppen, große und kleine, helle und dunkle.

Was es damit auf sich hat, wird erst nach Ende der Geschichtsstunde deutlich, wenn Kinder in Fünfziger-Jahre-Gewändern im Publikum umher flanieren und ihnen dabei unauffällig die Kopfhörer abnehmen. Derweil fängt irgendwo eine Frau an, über die psychiatrische Einrichtung zu sprechen. Vom „Prinzip aussperren und unsichtbar machen“ ist die Rede, das in Blankenburg gegolten habe. Und vom Bett herab spricht ein anderer von seinen „ersten Nächten“, die „auch schlimm“ gewesen seien, damals in Blankenburg: „Erst Angst in Elfenbeinküste, und dann Angst hier!“ Der da spricht, ist Schauspieler Henner Momann, für wen er spricht, das ist die schwarze Puppe neben ihm auf der Bettkante.

So geht es weiter: Schauspieler legen sich für ihr puppenhaftes Alter Ego ins Zeug, berichten aus der Perspektive von Krankenpflegern, ehemaligen Patienten oder Flüchtlingen über die Missstände. Kranke, man hat davon schon gehört, sollen im Kloster Blankenburg geschlagen worden sein. Pfleger erlebten seelische Krisen. Und Flüchtlinge fühlten sich vereinsamt. Alles schlimm, alles bedenkenswert. Bloß: Sinnlich erfahrbar wird in diesen statischen Vorträgen gar nichts.

Dabei bemüht sich das Bühnenpersonal redlich, diese Sinnlichkeit irgendwie doch noch auf die Bühne zu bringen, das Publikum den Alltag von Blankenburg fühlen zu lassen. Ein ehemaliger Patient (Imme Beccard) fummelt einigen Zuschauern im Haar herum, ein einstiger Pfleger (Thomas Lichtenstein) verfrachtet unterdessen einen Besucher in den zur Stuhlgangskontrolle konstruierten „Abführwagen“. Der macht darin ein mehr belustigtes denn irritiertes Gesicht, zur Dokumentation des wirklichen Abführ-Horrors – nackt an den Stuhl gefesselt – bedarf es wieder der Dia-Leinwand.

Hätte das Projekt am Originalschauplatz mehr Wirkung entfalten können? Vielleicht. Hätte man nach dem öffentlichen Ärger um die entzogene Nutzungsgenehmigung ganz auf das Projekt verzichten sollen? Wahrscheinlich nicht. Immerhin war das ganze Theater ums Theater ja nicht umsonst: Die dunkle Geschichte des Klosters Blankenburg ist ins öffentliche Bewusstsein gerückt. So ist die zähflüssige Veranstaltung als Endprodukt einer lange überfälligen Diskussion zu verstehen: ästhetisch unbefriedigend, trotzdem notwendig.

Kommende Vorstellungen: am 24., 25. und 28. Juni, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater, Probenzentrum.

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