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Gedenken ohne Gedenkton

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Von: Johannes Bruggaier

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Bremen - Von Johannes Bruggaier. Beim Besuch eines der noch erhaltenen Konzentrationslager mag man es sich gar nicht vorstellen. Doch tatsächlich hat es inmitten des täglichen Tötens auch Musik gegeben. Es gab sie auf Befehl von oben, zwangsweise intoniert von eigens zusammengestellten Häftlingsorchestern. Es gab sie aber auch heimlich in den Baracken, komponiert und gesungen an abgelegenen Orten zur Stärkung des Widerstandsgeists. Und dann konnte es auch geschehen, dass beides zusammenkam: Widerstandslieder, deren kritischer Gehalt sich den begriffsstutzigen SS-Schergen nicht erschloss, sodass Täter und Opfer gemeinsam sangen. - Von Johannes Bruggaier.

Der Bremer Liedermacher Michael Zachcial hat mit seiner Gruppe „Die Grenzgänger“ diese Lieder neu eingespielt. Ein Brecht-Zitat ziert das Cover der CD: „und weil der Mensch ein Mensch ist“. Der Halbsatz mündet bei Brecht in die Erkenntnis, dass der Mensch ohne Nahrung und Kleider nicht leben kann. Bei den „Grenzgängern“ dagegen neigt man dazu, ihn mit „…deshalb lässt er sich das Singen nicht verbieten“ zu vervollständigen: so kraftvoll muten diese Texte an, so gewaltig ihre Melodien.

Einen schier unbegreiflichen Optimismus atmet etwa das „Neuengammer Lagerlied“. „Keine Träne, stets den Kopf hoch“, heißt es darin: „Konzentrationär, auch du wirst frei!“ Dazu erklingt eine frohgemute Gitarre im Countrystil. Es sei im KZ Neuengamme entstanden, heißt es im Begleittext, geschrieben während einer Fleckfieberepidemie.

Kaum glücklicher waren die Umstände für Kommunisten im Schutzhaftlager Heuberg/Oberbaden. Und doch ist auch „Auf des Heubergs rauen Höhen“ von einer trotzigen Zuversicht geprägt. „Die Freiheit, die kommt wieder“, ist sich der unbekannte Verfasser sicher: „Nicht umsonst floss unser Blut!“

Zachcial singt diese stolzen Zeilen mit zupackendem Gestus und markanten Akzentuierungen. Man ist zunächst irritiert angesichts dieses so gar nicht zum üblichen Gedenkton passenden Stils. Doch mit zunehmender Dauer wird deutlich, dass gerade in dieser kraftvollen, lebenszugewandten Interpretation die eigentlich angemessene Gedenkform liegt: Dass Lieder wie „Moorsoldaten“ und „Buchenwaldlied“ mit ihrer künstlerischen Substanz auch jenseits des historischen Kontexts heute noch gewichtig und relevant erscheinen, ist das größte Verdienst dieser beeindruckenden Einspielung.

Die Grenzgänger: „und weil der Mensch ein Mensch ist (Lager Lieder Widerstand)“, Müller-Lüdenscheidt-Verlag 2015; 15,90 Euro.

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